Kirchheim

Wenn es Mozart nicht mehr auf dem Stuhl hält

Konzert Das Schwäbische Kammerorchester zeigt einen fesselnden Auftritt in der Kirchheimer Martinskirche.

Symbolbild

Kirchheim. Mozart hielt es nicht mehr auf dem Stuhl. Bei der Erstaufführung seiner wohl bekanntesten Symphonie Nr. 40 verließ er angewidert vorzeitig den Raum. Dabei galt die Schar hochgebildeter Musiker um Baron Gottfried von Swieten als kompetente Beförderer der Wiener Klassik. So schlecht kann‘s also nicht gewesen sein. Es waren Nickeligkeiten bei der Instrumentierung, die den Meister veranlassten, das Klangkonzept nochmals zu überarbeiten.

Franz Schubert wählte genau aus diesem Grund später diese Komposition als Studienobjekt für seine 5. Symphonie: optimale Klangwirkung bei spärlichster Besetzung. Ein 19-Jähriger in der Schaffenskrise arbeitet sich an einer Vorlage größtmöglicher Reife und Ausdruckskraft ab. Heraus kam etwas ganz anderes, neues. Und obwohl Brahms davon abriet, Schuberts B-Dur-Symphonie aufzuführen - sie sei lediglich für die Schubertsche Entwicklung interessant - haben sich diese beiden ungleichen Werke heute zu den meist aufgeführten Symphonien gemausert.

Souveräne Leistung

Auch das Schwäbische Kammerorchester nahm sich bei seinem Jahreskonzert in der Martinskirche mutig dieser Herausforderung an. Dirigent Matthias Baur ließ dabei der jugendlich verspielten „Wiener Straßenmusik“ mit ihren hüpfenden Dreiklangsmotiven im Hauptthema jovial den Vortritt und bereitete so den Boden für ein kurzweiliges, fesselndes Orchesterkonzert. Um es offen zu sagen: Von einer derart souveränen Leistung, der vorwiegend aus Laien bestehenden Instrumentalgruppe, konnte nicht unbedingt ausgegangen werden. Dazu verlangen die jeweils dritten Sätze mit ihren chromatischen Verschachtelungen ein Höchstmaß an Konzentration.

Matthias Baur schaffte mit seiner gleichermaßen unaufgeregten wie bestimmten Leitung die Räume dazu. „Erblicke hier, betörter Mensch“, hat Joseph Haydn den zweiten Satz von Mozarts großer „g-Moll“ in seinen „Jahreszeiten“ zitiert und sich dabei selbst als greiser Bewunderer der Kunst seines sehr viel jüngeren Freundes geoutet.

Unkooperative Martinskirche

Der wehmütige Blick auf die verblasste Jugendzeit passt zum Herbst und zur Musik in einer renovierungsbedürftig gewordenen Martinskirche, die sich deshalb akustisch nicht sehr kooperativ zeigte und je nach Laune Klangdetails verstärkte oder unter die Kirchenbänke fallen ließ. Dies fiel besonders beim zweiten Programmpunkt des Abends - Mozarts Hornkonzert Es-Dur - auf. Das quirlige Posthorn-Imitat im letzten Satz tanzte wie ein Irrlicht zwischen Säulen, Emporenbrüstung und Kanzel umher und bekam dadurch einen unbeabsichtigten aber durchaus entzückenden Reiz. Eduard Funk weckte als Postillion Wehmutsgefühle nach der guten alten Zeit, in der persönliche Grüße noch hochmusikalisch übermittelt wurden. Witz und Ironie begleiteten sein Spiel und so musste es sein.

Süffisanter Komponist

Mozart selbst nahm seine Hornkonzerte offenbar nicht zu ernst. Die Partitur an den Hornisten Leutgeb war vollgespickt mit süffisanten Kommentaren. Wolfgang Amadé habe sich mit seiner Niederschrift über „Leutgeb, Ochs, Esel und Narr erbarmt“. In der eigenen Werkliste tauchten sie erst gar nicht auf. Das Schwäbische Kammerorchester bot einen musikalischen Abend mit vielen Pointen: für Kenner und Liebhaber.Ralf Sach

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