Kirchheim

„Wenn es steil wird, nehme ich ihn an die Hand“

Engagement Geschwister von Menschen mit Behinderung tragen große Verantwortung. Oft übernehmen sie später auch die gesetzliche Betreuung. Julia Nemetschek-Renz

Für Gernot Wolf ist sein Schwager Uwe Stifter, der das Downsyndrom hat, einfach ein Familienmitglied mehr, um das er sich gerne
Für Gernot Wolf ist sein Schwager Uwe Stifter, der das Downsyndrom hat, einfach ein Familienmitglied mehr, um das er sich gerne kümmert. Foto: pr

Wenn die 13-jährige Vanessa Rubcic früh morgens ihre kleine Schwester hört, dann steht sie schnell auf, schaut nach ihr und macht Frühstück. Denn ihre Mutter braucht ihren Schlaf nach der Spätschicht. Sie ist Verkäuferin in einem Drogeriemarkt. Und sie ist in diesen Zeiten so gefragt wie nie. Nur eine Notbetreuung für Sophie hat sie nicht bekommen. Zum Glück ist Vanessa da, überbrückt mal eine Stunde, wenn beide Eltern gleichzeitig arbeiten müssen. Ihre kleine Schwester Sophie hat frühkindlichen Autismus und kann nicht allein sein. Sie kann nicht sprechen, bekommt manchmal komplett überraschend heftige Wutanfälle. „Oft kann ich Sophie dann am besten beruhigen“, erzählt Vanessa stolz.

„Wir als Familie haben in den letzten drei Monaten echt einen guten Job gemacht“, sagt auch ihre Mutter Tajana Rubcic. Zwei Berufe, zwei Kinder zu Hause und trotzdem hat alles geklappt. Auch, weil Vanessa immer wieder eingesprungen ist und mit ihrer Schwester verstecken spielt, mit ihr malt und kuschelt. „Sie ist unsere riesige Stütze“, sagt auch ihr Vater Damir Rubcic. Fast jeden Abend bringt Vanessa ihre Schwester ins Bett. Einfach deshalb, weil Sophie bei ihr am besten einschläft. Und Vanessa weiß warum: „Ich glaube, sie spürt die Wärme und ich auch.“

Vanessa Rubcic kuschelt gern mit ihrer kleinen Schwester, die an frühkindlichem Autismus leidet, bringt sie fast jeden Abend ins
Vanessa Rubcic kuschelt gern mit ihrer kleinen Schwester, die an frühkindlichem Autismus leidet, bringt sie fast jeden Abend ins Bett und hilft damit ihren berufstätigen Eltern. Foto: pr

Ganz automatisch bekomme das Kind mit Behinderung in den Familien viel Aufmerksamkeit, erzählt Renate Baiker, Bereichsleiterin „Offene Hilfen“ der Lebenshilfe Kirchheim. Und das sei auch logisch und geschehe oft komplett unbewusst, sagt die Pädagogin Baiker. „Die Geschwister werden sehr früh erwachsen, übernehmen Aufgaben im Haushalt, um die Eltern zu entlasten und reden ungern über ihre eigenen Sorgen. Einfach, weil sie die Eltern nicht zusätzlich belasten wollen.“ Deshalb hat Renate Baiker 2018 den Geschwistertreff der Lebenshilfe Kirchheim ins Leben gerufen: Einmal im Monat stehen hier die Geschwister im Mittelpunkt, entscheiden selbst, was sie zusammen unternehmen möchten, fahren gemeinsam weg.

Denn als Bruder oder Schwester eines Menschen mit Behinderung Raum für sich selbst zu beanspruchen, das bleibt eine lebenslange Aufgabe. Spätestens dann, wenn die Eltern selbst pflegebedürftig werden, steht die Frage im Raum: Wer übernimmt jetzt die gesetzliche Betreuung für den Bruder oder die Schwester? Wird ein Mensch mit geistiger Behinderung volljährig, dann regelt das Vormundschaftsgericht die gesetzliche Betreuung. Und in den meisten Fällen übernehmen erst die Eltern und dann Bruder oder Schwester die gesetzliche Betreuung. Doch darf man auch Nein sagen? „Natürlich“, sagt Renate Baiker. „Jeder Mensch darf frei von irgend welchen moralischen Vorstellungen entscheiden, ob er das machen möchte, oder nicht.“

Margarethe Wolf-Stifter hat Ja gesagt und die gesetzliche Betreuung für ihren Bruder Uwe Stifter übernommen. Das war für sie komplett klar. Der Vater war gestorben, die Schwester hatte die Mutter lang gepflegt. Keine Frage, dass sie sich um ihren Bruder kümmert. Uwe Stifter hat das Downsyndrom und lebt im Wohnheim der Lebenshilfe Kirchheim in der Saarstraße. An jedem zweiten Wochenende holt Margarethe Wolf-Stifter ihren Bruder zu sich nach Hause, zweimal im Jahr fah- ren sie gemeinsam in den Urlaub. „Wir haben jetzt einfach ein Familienmitglied mehr“, erzählt ihr Mann Gernot Wolf.

In der Corona-Pandemie sind die drei noch einmal deutlich enger zusammengerückt. Einige Wochen lang hat Uwe Stifter bei seiner Schwester gelebt. In dieser Zeit sind sie viel gelaufen. Denn Fernwanderungen sind schon immer das Hobby der Familie. Sie schaffen über 20 Kilometer an einem Tag. „Wir lieben das Wandern“, schwärmt Gernot Wolf. „Dem Uwe gefällt es auch. Und wenn es sehr steil wird, nehme ich meinen Schwager an die Hand.“

 

Weitere Infos zum Geschwistertreff gibt es unter www.lebenshilfe-kirchheim.de.

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