Kirchheim

Wenn Leben wie ein Band zerreißt

Denkmal Stählerne Spruch- und Lebensbänder sollen auf dem Alten Friedhof an die zivilen Opfer erinnern, die das NS-Regime auch in Kirchheim gefordert hat. Von Andreas Volz

Was einem Bretterverschlag zu gleichen scheint, ist das geplante Kirchheimer Denkmal für zivile Opfer des NS-Regimes. Die Form e
Was einem Bretterverschlag zu gleichen scheint, ist das geplante Kirchheimer Denkmal für zivile Opfer des NS-Regimes. Die Form erinnert an Leben, das ins Wanken gerät.Foto-Montage: Carsten Riedl

Als „längst überfällig“ bezeichnete Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ein Denkmal für zivile Opfer der NS-Herrschaft. Dr. Silvia Oberhauser, die Fraktionsvorsitzende der Frauenliste im Gemeinderat, sah es ganz ähnlich, stellte aber positiv heraus, dass dieses Denkmal nun konkret geplant wird: „Besser spät als nie.“

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Generationsübergreifend war seit 2014 am Denkmalsentwurf in Kirchheim gearbeitet worden, berichtete die Oberbürgermeisterin über den Entstehungsprozess. Kirchheimer unterschiedlichsten Alters und mit den unterschiedlichsten Funktionen haben also gemeinsam überlegt, wie sich die Aufgabenstellung am besten umsetzen lässt: „Das Denkmal sollte darstellen, wie Leben aus den Fugen geraten ist, bei vielen einzelnen Menschen, aber auch bei deren Familien.“ Möglichst alle Opfergruppen sollen dabei zu Wort kommen und „mit ihrer eigenen Sprache das Leid ausdrücken, das ihnen angetan wurde“.

Aus diesem Grund war von vornherein kein in Granit gemeißeltes Denkmal vorgesehen, wie Monika Majer, die die künstlerische Leitung des Projekts innehat, nun im Gemeinderat ausführte. Das Denkmal solle nämlich nicht nur zum Nachdenken und damit zum Erinnern anregen, sondern auch zum Nachfühlen.

„Die Grundidee war, Lebensbänder darzustellen, die zum Teil abgerissen sind“, erklärte Monika Majer den Entwurf, der auch den Baum am ausgewählten Standort – eine Blutbuche – mit einbezieht. Die Lebensbänder sollen in Stahl ausgeführt werden, der rosten wird. Die Buchstaben auf den Bändern wiederum sind aus rostfreiem Edelstahl, ebenso wie die Stangen, die die Bänder tragen. Die scheinbar wirre Anordnung von Stangen und Bändern ist beabsichtigt, weil sie demonstrieren soll, wie die Welt der NS-Opfer immer mehr ins Wanken geraten war.

Dass die Sätze aus der Wir- oder besser noch aus der Ich-Perspektive berichten, war die Idee einer der beteiligten Jugendlichen aus dem Mehrgenerationenhaus Linde und vom Deutschen Roten Kreuz. Wer die Texte lesen will, muss sich allerdings ins Denkmal „reinziehen“ lassen. Ein Betrachten im Vorübergehen genügt nicht. In voller Länge zu lesen sind die Sätze nur von innen, und einen „Eingang“ soll es auch nur von einer Seite geben. Auf diese Weise soll die Enge – die nicht nur etymologisch Angst hervorbringt – direkt erlebbar gemacht werden, alles das also, was auch das Leben der NS-Opfer eingeschränkt, beengt und letztlich bedroht hat.

Die Opfergruppen sind noch zu erweitern, wobei Stadtrat Klaus Buck (CDU) ein wichtiges Detail erwähnte: „Es wird uns kaum gelingen, eine Vollständigkeit zu erreichen. Darauf soll mit leeren, unbeschrifteten Bändern hingewiesen werden.“ Zum Denkmal soll es ein Begleitheft geben, in dem den anonym gehaltenen Schicksalssätzen Gesichter gegenübergestellt werden. Einzelschicksale werden darin konkret nacherzählt.

Das Denkmal soll möglichst viele Besucher auf den Alten Friedhof locken, auch bei Stadtführungen oder schulischen Exkursionen. Der Standort ist symbolträchtig gewählt: Er liegt in einer Blickachse zum Soldatendenkmal auf der anderen Seite. Beide Denkmäler sind also künftig vom Leichenhaus aus zu sehen – oder eben durch das Haus hindurch vom einen Standort zum anderen. In unmittelbarer Nähe des neuen Denkmals sind auch Gräber, die sich einer der Opfergruppen zuordnen lassen: die Gräber russischer Zwangsarbeiter.

Die rund 43 000 Euro, die das Denkmal kosten wird, sollen mindestens zur Hälfte über Spenden finanziert werden. Auftakt der Spendenaktion ist am Freitag, 27. Januar, mit einem Gottesdienst und einem Konzert der Familie Reinhardt in der Ulrichskirche. Auch dieses Datum ist mit Bedacht gewählt: Es ist der Holocaust-Gedenktag, der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.