Kirchheim

Wenn Musik die Stadt verwandelt

Konzert Der Klangforscher und Komponist Matthias Kaul inszeniert in Kirchheim ein großes Wandelkonzert der Neuen Musik, das die ganze Stadt einbezieht. Von Ralf Sach

An verschiedenen Orten in Kirchheim erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine gestellt wurde es
An verschiedenen Orten in Kirchheim erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine gestellt wurde es von Matthias Kaul (unten links). Fotos: Markus Brändli

Wir suchen nach Erklärungen. Ständig. Sind sie zutreffend? Egal, sofern sie beruhigen. Ein Wandelkonzert soll verwandeln, so war die „Spurensuche“ beabsichtigt, die am Samstag zahlreiche Suchende in der Kirchheimer Stadtmitte auf ihre Fährte lockte.

Das Konzert begann viel zu früh. Himmlisch die Musik. Es tröpfelte aus behangenen Wolken auf Abfallbehälter, Kapuzen und Wasserpfützen. Rhythmisch eindrucksvoll ergänzt durch dumpf auf das Pflaster aufschlagende Kastanien. Durch die wegweisenden Worte von Komponist Matthias Kaul sensibilisiert, fragte man sich unentwegt: Welche wahrnehmbaren Klänge und Geräusche sind beabsichtigt, welche gehören zur Darbietung? Ein lautes Hupen vom Alleenring unterbrach die Begrüßungsworte der Oberbürgermeisterin. Verunsicherung war zu spüren. Oder auch nicht: Echt nervig, all die störenden Geräusche hier! Und das Wetter hätte ja heute Morgen auch wirklich schöner sein können!

Ein Kind sammelte die Kastanien vom Boden auf. Im Spitalkeller duftete es warm nach Öl und Crêpe-Teig. Ein Fußball rollte über den Boden, dem die Kinder des Liederorchesters musikalisch nachjagten. Ein dumpfer Aufschlag. Das Wimmern, Skalieren und nervöse Gezupfe endete jäh. „Mit Attraverso kreuz und quer!“, skandierte das gleichnamige Ensemble. Worte, verpackt in verfremdete Silben. Wieso verfremdet? „So spricht man halt, wenn man gleichzeitig gähnen muss“, sagte ein Junge zu seiner Mutter. Die Kinder hatten Spaß. Sie konnten nichts falsch machen, nicht an strengen Partituren scheitern. Und ihre Eltern lächelten milde zum eifrigen Spiel ihrer kleinen Nachwuchs-Experimentalisten.

Im Kornhaus wurde ein Ensemble aus Kornett, Querflöte und Bass-streichern genötigt, sich Zahlenvorgaben aus dem Publikum zu beugen. Was sollten diese Zahlen? Diejenigen, die sie verteilt hatten, versuchten es fieberhaft herauszubekommen. Es gelang teilweise. Verunsicherung wich, man hörte ganz unvermittelt eine bekannt anmutende Melodie im Volkston. Fester Boden unter den Füßen. Der Auslöser eines Fotoapparates klickte. Das Publikum hatte offenbar den Boden der Erwartungslosigkeit erreicht. Es schmunzelte erheitert, als die Percussion-Vorführung durch eine kurze Anmoderation unterbrochen wurde: „Na, wie geht es euch? Draußen sind es gerade 10 Grad. Na dann, viel Spaß noch!“ Die Vorführung mutete wie kurze Spielrunden an, bei denen jeweils am Ende Gewinn oder Niederlage gefeiert oder betrauert wurde. Es war jedoch kein Spiel. Die Ausführenden nahmen ihre Sache bitterernst.

Finale dann in der Martinskirche mit großem Aufgebot. „Soundcheck. Eins – zwo – drei! Das gehört jetzt aber noch nicht zum Programm!“ Warum nicht? Ein Kind schrie, die Tür knallte. Später schrie der Sänger einer Punk Band ins Mikrofon, die Base Drum knallte. Wo war der Unterschied? Ein kleiner Chor sang wunderschön: „What a wonderful world!“ Die Zuhörerschar reagierte irritiert. Und beruhigte sich sogleich wieder, als es erneut eskalierte. Ein schwerer Schlag auf dem Hi-Hat, Geräusche wie Elefantengebrüll. Idyllische Filmmusik des Orchesters, irgendwelche Zahlen werden hochgehalten, Zettel mit Pfeilen drauf, vier Flüchtlinge sprechen vor dem Altar mit dem Publikum. Es versteht nichts: fremde Sprachen, fremder Gesang. Jemand aus der Band krächzt ins Mikro. Ein Touristenpaar schaut entgeistert zur Tür herein. Was geht denn hier ab? Es erklingt wieder jene bekannt erscheinende Melodie im Volkston aus dem Kornhaus. Wo ist eigentlich der Komponist? Schluss. Tosender Applaus. Wenn nichts mehr sicher ist, dann gibt wohl auch das Sicherheit.

„Das gehört jetzt aber nicht zum Programm!

Musiker beim Soundcheck

stiftet Verwirrung beim Kirchheimer Wandelkonzert, das die Frage aufdrängt: Was ist eigentlich Musik?

An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine
An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine gestellt wurde es von Matthias Kaul (unten links). Fotos: Markus Brändli
An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine
An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine gestellt wurde es von Matthias Kaul (unten links). Fotos: Markus Brändli
An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine
An verschiedenen Orten, wie hier in der Martinskirche, erlebten Besucher am Samstag ein Feuerwerk der Neuen Musik. Auf die Beine gestellt wurde es von Matthias Kaul (unten links). Fotos: Markus Brändli
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