Kirchheim

Werte wachsen nur mit der Zeit

Welche Lehre lässt sich aus den Vorfällen in der S-Bahn vom letzten Samstag ziehen? Keiner hat etwas falsch gemacht: weder die Frauen, die sich an die Polizei wandten noch Richter, Staatsanwaltschaft oder Polizei, weil sie den Verdächtigen nicht inhaftierten. Ihnen fehlte die rechtliche Handhabe.

Lediglich der Kameruner hat etwas falsch gemacht: Er hat sich völlig falsch benommen – auf eine Art und Weise, wie sie nicht toleriert werden kann. Gerade er sollte daraus etwas lernen. Das wird aber schwierig, weil sein Verhalten bislang keinerlei Sanktionen nach sich zog. Insofern bleibt bei vielen ein Unbehagen zurück, ein mulmiges Gefühl. Die Selbstverständlichkeit, sich zu jeder Zeit frei bewegen zu können und sich dabei sicher zu fühlen, geht manchen verloren.

Die Ereignisse weisen auf ein weiteres grundsätzliches Problem hin: Das Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen funktioniert nicht so reibungslos, wie man es sich wünschen würde. Dem 25-Jährigen scheint sein Fehlverhalten nicht bewusst zu sein. Sonst hätte er es nach der ersten Begegnung mit der Polizei nicht einfach fortgesetzt.

Das zeigt also auch: Wertevermittlung ist keine Sache für eine „Schnellbleiche“. Die Werte einer Gesellschaft lassen sich nicht so schnell lernen wie das Schwimmen oder das Radfahren. Vor allem geht es ja darum, diese Werte zu „verinnerlichen“. Da genügt es nicht, einen Wertekanon auswendig zu lernen, um ihn möglichst fehlerfrei aufsagen zu können – wie eine Lektion Vokabeln. Wertevermittlung braucht Zeit. Und die Frage ist, wie viel Zeit „wir“ haben, um das zu schaffen.

Kommentar Andreas Volz zu den Vorfällen in der S-Bahn

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