Kirchheim

„Westeuropa fremdelt mit dem Osten“

Europa Der Jesuit Friedhelm Hengsbach gilt als brillanter Analytiker. In der „Kirchheimer Reihe“ gab es von ihm viel Nachdenkliches zu Europa. Von Peter Dietrich

Der Europa-interne Ost-Westkonflikt: Friedhelm Hengsbach gibt den Zuhörern Einblicke in die komplizierten Binnenverhältnisse und
Der Europa-interne Ost-Westkonflikt: Friedhelm Hengsbach gibt den Zuhörern Einblicke in die komplizierten Binnenverhältnisse und ihre historischen Gründe.Foto: Peter Dietrich

Der Abend war mit „Was ist los mit dir, Europa?“ überschrieben, das ist auch der Titel von Friedhelm Hengsbachs aktuellem Buch. So manches, was Friedhelm Hengsbach an europäischen Pannen zu berichten hatte, war amüsant: Wie nur konnte man dem früheren französischen Präsidenten François Hollande beim deutschen Antrittsbesuch ausgerechnet Spargel servieren, den er nicht ausstehen kann? Ihn auf ein Schiff mit Namen „Nordwind“ einladen - das also so heißt wie die letzte entscheidende Offensive der deutschen Wehrmacht gegen die Franzosen im Zweiten Weltkrieg? Schließlich sang dann noch ein Shantychor ein Lied aus Hinterpommern, also von jenseits der Oder-Neiße-Grenze, deren Anerkennung François Mitterand bei der deutschen Wiedervereinigung durchgesetzt hatte?

Doch bei den aktuellen Problemen geht es um mehr als Fettnäpfchen. Emmanuel Macron, sagte Friedhelm Hengsbach, sei sehr deutschlandfixiert. Andere Länder wehrten sich gegen das enge deutsch-französische Verhältnis. So entstünden, auch als Reaktion auf deutsche Alleingänge und Spardiktate, Anti-Koalitionen wie der „Club Med“ der Mittelmeerländer oder die Gruppe von 16 Balkanstaaten, die teils zur EU gehörten und denen China offensiv Investitionen anbiete.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel sage, Europa sei keine Sozialunion, dann sei das in dieser Verallgemeinerung falsch. „Das kann sie nur sagen, weil sie die Verträge nicht gelesen hat.“ Denn der EU-Vertrag verpflichte die Mitgliedsländer zur Solidarität. Derzeit seien diese Ziele ins Gegenteil verkehrt, es herrschten Polarisierung, der Abbau solidarischer Sicherungssysteme und Ausgrenzung.

Durch Berliner Mauer und Eisernen Vorhang hätten sich die ursprünglichen EU-Staaten immer mehr nach Westen orientiert. Jeder im Westen kenne bedeutende Europäer wie Kohl, Brandt oder de Gaulle, aber wer kenne Menschen wie Dubcek und Havel? Westeuropa fremdle mit dem Osten. „Wie können wir uns in den Drang nach nationaler Identität der Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Slowenen einfühlen, ihn verstehen?“ Wer zuerst vom Osmanischen Reich, später von den Habsburgern und dann von der Sowjetunion unterdrückt worden sei, der brauche Zeit, um sich auf seine Identität zu besinnen. Zuerst werde die US-Amerikanisierung der Wirtschaft als Rettung gesehen, doch dann komme der Rückschlag: „Ja so miserabel war es ja früher auch wieder nicht. Jedenfalls haben wir etwas verloren, etwa Heimat und Nähe, wir sind enttäuscht worden.“ Deshalb sei die Balance zwischen europäischer Souveränität und den 27 nationalen Souveränitäten sehr wichtig.

Eine wirkliche Neugründung Europas, so Friedhelm Hengsbach, müsse eine Neugründung der europäischen Union sein, und zwar mit einer Verfassung. Derzeit herrsche ein „Schlamassel mit verschiedenen Institutionen und Akteuren, die alle behaupten, sie seien die Macher in Europa“. Es gebe die Zentralbank, Ministerrat, die Kommission, das Europäische Parlament, die nationalen Parlamente und schließlich die Euro-Länder: Letzte schlössen Verträge außerhalb der europäischen Verträge, um ihre Währung einigermaßen stabil zu halten. Schließlich kritisierte Friedhelm Hengsbach das, was er als „vertikales Schisma“ bezeichnet, eine Spaltung zwischen Zivilgesellschaft und Staat. „Die politischen Instanzen reagieren anders als ein großer Teil der Bevölkerung.“ Während Bürgerinitiativen sich um Flüchtlinge gekümmert hätten, sei der Staat mit Abwehr und Abschreckung beschäftigt gewesen.

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