Kirchheim

Wie aus nichts etwas wird

Kreativität Das „Figurentheater unterwegs“ spielt in der Bastion vor Kindergarten- und Grundschulkindern. Mit wenigen Utensilien gelingt es, die Fantasie der Kleinen buchstäblich zu „beflügeln“. Von Ulrich Staehle

Mit der tatkräftigen Unterstützung des kleinen Rodolfo gelingt es der Figurentheaterspielerin Angelika Jedelhauser, einen Schmet
Mit der tatkräftigen Unterstützung des kleinen Rodolfo gelingt es der Figurentheaterspielerin Angelika Jedelhauser, einen Schmetterling auf das Papier zu zaubern. Foto: Markus Brändli

Die Frau auf der Bühne sitzt vor einem rätselhaften Möbel auf einem Stuhl. Sie ist sichtlich ratlos. Schließlich greift sie in die Hosentasche, holt sich ein Bonbon heraus, wickelt es auf und steckt es in den Mund. Das Glitzerpapier segelt zu Boden. Das funkt. Die Idee ist geboren: Fliegen. Sie will etwas erfinden, das durch die Welt fliegt. Die Welt wird durch eine Schnur markiert, die als Horizont über die Bühne gespannt wird.

Nun entsteht aus dem geheimnisvollen Möbel ein Tisch mit schräger Tischplatte. Aus dem kleinen Karton rechts daneben packt die Frau eine Handpuppe aus mit langen Beinen und hellblauem Hütchen namens Rodolfo. Dieser ergreift sofort die Initiative: Wir befinden uns jetzt in der „Werkstatt der Gestalter aller Dinge“. Rodolfo stellt alle seine Mitarbeiter und Freunde vor, Stifte und Pinsel, die für verschiedene Farben und Materialien zuständig sind. Er möchte etwas Besonderes erfinden, das die Welt verschönert und glücklich macht, ein Wesen, das fliegen kann wie ein Vogel und gleichzeitig wie eine Blume ist.

Zuerst entsteht auf dem Blatt Papier, das auf dem Tisch ausgebreitet wird, auf der Suche nach einem fliegenden Insekt eine Biene, dann ein Marienkäfer, als drittes eine Libelle und schließlich, welch ein Jubel, wie im Programm angekündigt, ein Schmetterling. Die Papierbogen mit den Zeichnungen werden an der Leine aufgehängt. Ganz schön anspruchsvoll, was das „Figurentheater unterwegs“ in Person von Angelika Jedelhauser da vorführt. Die ausgebildete Figurentheaterspezialistin hat das beliebte Kinderbuch „Die Werkstatt der Schmetterlinge“ der nicaraguanischen Schriftstellerin Gioconda Belli aufgegriffen und für das Figurentheater bearbeitet. Damit die Szene auch einmal richtig turbulent wird, darf unter dem Hallo der Kinder auch noch ein Hund als Handpuppe mitspielen.

Die Künstlerin arbeitet mit einfachsten Mitteln und führt vor, was man mit Fantasie alles gestalten kann. Aus einer Farbe, die auf dem Papier des schrägen Tisches in der Länge davonläuft, wird ein Libellenkörper, oder aus drei dicken Farbklecksen in den Farben gelb, blau und rot durch Falten des Papiers ein farbenprächtiger Schmetterling. Die Suggestion wird unterstützt durch die Variation des Sprechens, durch dezente Musikeinspielungen und Lichteffekte.

Die Bastion, sonst von ziemlich lauter Musik für Erwachsene erfüllt, bietet jedes Jahr im Rahmen von „Szenenwechsel“, dem theaterpädagogischen Programm des Kulturrings, an einem Vormittag zwei Aufführungen für Kindergarten und Grundschule an. Dafür ist die kleine Bühne in dem geheimnisvollen Gewölbe bestens geeignet. Jeweils 100 Kinder haben Platz, mehr geht nicht. „Wir könnten doppelt so viel Vorstellungen anbieten, so groß ist der Andrang“, berichtet eine aus der Vierergruppe der Bastionsmitarbeiterinnen, die neben ihrem Beruf dieses Theaterprojekt organisieren und die kleinen Besucher ihre Plätze finden lassen. Natürlich passen auch die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer auf. Doch das scheint kaum nötig zu sein.

Es ist ermutigend zu sehen, wie die kleinen Theaterbesucher im Zeitalter der elektronischen Medien ganz dabei sind, wenn es um das genaue Beachten von live vorgeführten Kleinigkeiten geht und wie sie dann ihre Fantasie walten lassen.

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