Kirchheim

Wie die Waffentechnik den Abriss der Klosterkirche erzwang

Rainer Laskowski führt eine interessierte Zuhörerschar durch das Kirchheimer Kloster, das es schon seit 1539 nicht mehr gibt

Klosterführung mit Laskowski
Klosterführung mit Laskowski

Kirchheim. Das einstige Kirchheimer Dominikanerinnenkloster lebt in folgenden Bezeichnungen bis

Andreas Volz

heute fort: Klosterwiese, Klosterstraße und Klosterviertel. „Klosterviertel“ ist die jüngste dieser Bezeichnungen, und sie könnte den falschen Eindruck erwecken, dass sich das Kloster einstmals in diesem Viertel befand. Richtiger wäre eigentlich die Bezeichnung „Klosterstraßenviertel“. Zumindest aber eines lässt sich historisch rechtfertigen: Ein Großteil des heutigen „Klosterviertels“ gehörte zum landwirtschaftlich genutzten Klosterareal – nördlich begrenzt durch die Lindach, südlich durch die heutige Jesinger Straße und östlich in etwa durch die heutige Krebenstraße.

Das bebaute Klosterareal war wesentlich kleiner. Der innere Bereich, die Klausur der Nonnen, umfasste das Gelände zwischen dem heutigen Finanzamt und der Alleenstraße. Die östliche Begrenzung wäre wohl beim Alten Gemeindehaus zu suchen, die westliche verlief quer über den heutigen Finanzamtsparkplatz. Dort war auch ein Brunnen, der die Nonnen mit Trinkwasser versorgte. In der Nähe des Freihofs gab es eine Mühle, die zum Kloster gehörte. Die übrigen Wirtschaftsgebäude – Ställe, Scheuern, die Bäckerei oder auch die Kelter – lagen östlich vom inneren Bereich. Sie erstreckten sich bis zum heutigen Gemeindehaus der Ulrichskirche.

Für den inneren Klosterbezirk wie für die Wirtschaftsgebäude gilt der traurige Befund, den der frühere Museumsleiter Rainer Laskowski bei einer „Klosterführung“ im Rahmen der Volkshochschulreihe „Geschichte vor Ort“ anführte: „Leider ist da obertägig nichts mehr erhalten.“

Als erstes ist die Klosterkirche verschwunden, deren südliche Längsseite in etwa an der heutigen Alleenstraße verlief. Zwei historische Gründe gibt es für den Abbruch des Klosters um 1539: Herzog Ulrich hatte nach der Schlacht bei Lauffen 1534 und der damit erfolgten Wiedereroberung seines Herzogtums in ganz Württemberg die Reformation eingeführt. Den Dominikanerinnen erlaubte man zwar, weiterhin im Kloster zu bleiben. Aber sie durften keine Novizinnen mehr aufnehmen, sodass sich ihr Bestand im Lauf der Jahre und Jahrzehnte von selbst dezimieren sollte. Das Kloster wurde also in dem Sinn nicht mehr benötigt.

Für den Abriss gab es noch den anderen Grund: den Ausbau Kirchheims zu einer von sieben württembergischen Landesfestungen ab 1539. Rainer Laskowski ging auf die rasante Entwicklung der Waffentechnik in dieser Zeit ein. Kanonen konnten plötzlich gewaltige Breschen in Befestigungsmauern schlagen. Deshalb brauchte es weitere Hindernisse im Vorfeld. So entstand rings um die Stadtmauer ein „Erdenberg“. Der wiederum ist an einer entscheidenden Stelle noch erhalten: zwischen Rollschuhplatz und Alleenstraße. Einst reichte er über die Alleenstraße hinaus. Die Klosterkirche war also der Anlage des Erdenbergs im Weg. Lediglich den Ostflügel der Klausur ließ man stehen. Er genügte für die Nonnen. 1579 soll in diesem Flügel die letzte in Kirchheim verbliebene Nonne verstorben sein, die ehemalige Subpriorin Anna von Schilling.

1626 schließlich kommt es zu einem verheerenden Brand, der nach einem Blitzeinschlag ausgebrochen sein soll. An der Außenmauer des 1584 erstellten Fruchtkastens, aus dem gut 300 Jahre später das Alte Gemeindehaus hervorgehen sollte, wies Rainer Laskowski noch Spuren dieses Brands nach: Der gelbe Angulatensandstein verfärbt sich bei großer Hitze. Außen wird er dann rot, wobei diese Färbung durch weitere Verwitterung wieder komplett abblättern kann.

Steinmauern könnten den Brand von 1626 also durchaus überstanden haben. Das heutige Finanzamtsgebäude hält Rainer Laskowski deswegen auch in großen Teilen für wesentlich älter, als es die Jahreszahl 1626 im Türbogen vermuten lässt. Überhaupt scheint diese Jahreszahl erst nachträglich angebracht worden zu sein.

Das Nebengebäude des Finanzamts war die Klosterhofscheuer. Rainer Laskowski vermutet dort das Badhaus des Klosters und die Krankenstube. Am Durchgang zwischen Scheuer und Altem Gemeindehaus müssen sich während der Belagerungen 1487 und 1488 durch Graf Eberhard den Jüngeren dramatische Szenen abgespielt haben: „Auf der anderen Seite muss die Bäckerei gewesen sein, und der Bäcker hat immer wieder sein Brennholz über die Mauer geworfen, um den eingeschlossenen Nonnen in ihrer Not zu helfen.“

Noch viele weitere spannende Geschichten hatte Rainer Laskowski zu erzählen, beispielsweise über die Zeit der Klostergründung und einen politischen Streit Herzog Konrads I. von Teck mit dem Konstanzer Bischof Heinrich von Tanne. Spannend war auch die Besichtigung des außergewöhnlichen Kellers unter dem Alten Gemeindehaus, dessen Boden ganz mit Steinplatten belegt ist. Die Platten weisen sogar Steinmetzzeichen auf.

Auch die Lösung eines Rätsels gab Rainer Laskowski seinen Zuhörern mit auf den Weg – des Rätsels der drei teckischen Gräber in der Klosterkirche: Ludwig I., Sohn Konrads I., sowie seine beiden Schwestern, Berta und Agnes, wurden nach Abbruch der Klosterkirche – fast 300 Jahre nach ihrem Tod – neu bestattet. Vermutlich waren es ihre Gebeine, die 1980 bei Tiefbauarbeiten an der Alleenstraße auftauchten. Rainer Laskowski hat herausgefunden, dass ihre drei Schädel zusammen mit dem des Klosterkaplans Albert von Binzwang und den dazugehörigen Knochen damals wohl im anonymen Urnengräberfeld auf dem Waldfriedhof eine neue Ruhestätte fanden. Neben anonymer Asche könnten also – kaum weniger anonym – „hochadelige Knochen“ aus dem Mittelalter liegen.

Klosterführung mit Laskowski
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