Kirchheim

Wie ein guter Freund

Lesung Der SWR-Moderator Wieland Backes erzählt und liest in der Naberner Zehntscheuer. Zitate und Geschichten aus der Kultsendung „Nachtcafé“ fesseln das Publikum. Von Günter Kahlert

„Wohlfühlabend“ in der Naberner Zehntscheuer: Wieland Backes liest und erzählt von der SWR-Kultsendung „Nachtcafé“.Foto: Günter
„Wohlfühlabend“ in der Naberner Zehntscheuer: Wieland Backes liest und erzählt von der SWR-Kultsendung „Nachtcafé“.Foto: Günter Kahlert

Wieland Backes freut sich - wirklich. Er ist in Nabern und die Zehntscheuer brechend voll. „Es ist immer wieder erstaunlich und macht Laune, denn gerade in der ‘Provinz‘ trifft man auf so viele interessante Menschen und auf eine Atmosphäre, die einen einhüllt“, schildert Wieland Backes seine Gefühle nach dem Auftritt. Wobei Auftritt eigentlich der falsche Begriff ist. Backes kommt zu Menschen, die ihn seit Jahrzehnten aus seiner Kultsendung „Nachtcafé“ kennen, schätzen und endlich auch persönlich erleben wollen. Er ist quasi wie ein Vertrauter bei ihnen, erzählt über sich und natürlich Geschichten vom „Nachtcafé“.

Hohe Wertschätzung genoss der „Gentleman-Talker“ in seiner aktiven Zeit nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei zahllosen Kollegen und prominenten Talk-Gästen. Harald Schmidt etwa meinte: „Er wirkt wie der nette Nachbar von nebenan, schleicht sich in die Fragen rein und bringt durch seine scheinbar bedächtige Art die Menschen zum Reden. Seine Kunst, dann Fangfragen aus der Hüfte zu stellen, kann man nicht lernen.“ Passt genau.

Obwohl der Journalist und Moderator Ende 2014 aus eigenem Antrieb die Leitung der Sendung abgab, ist seine Popularität ungebrochen. „Wir hätten schon im Vorverkauf die Zehntscheuer zweimal füllen können. Das war unglaublich“, berichtet Marion Thiede vom Naberner Bürgerverein. Doch der Terminplan von Wieland Backes gab das nicht her, denn der Mann ist nach wie vor sehr rührig. Jüngste Aktivität: die Gründung des Vereins „Aufbruch Stuttgart“, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Adenauerstraße in einen Tunnel zu verlegen, damit oberirdisch Platz geschaffen wird für eine Kulturmeile.

Außerdem moderiert er nach wie vor „Ich trage einen großen Namen.“ „Auf die Sendung hatte ich erst gar keine Lust, inzwischen schätze ich sie“, erzählt er seinen Zuhörern in Nabern. Und dann spielt er auch noch Theater. In „Der Sheriff von Linsenbach“ - einem Mundartstück - ist er mit der WLB Esslingen in unregelmäßigen Abständen auf Tour. „Eigentlich eine Verrücktheit, trotzdem ein Riesenspaß“, wie er schmunzelnd zu seiner „kleinen Rolle“ anmerkt. Dass es die erfolgreichste Inszenierung der aktuellen Spielzeit ist, freut Wieland Backes da natürlich besonders.

Von „Ruhestand“ kann man bei dem 69-Jährigen also ganz sicher nicht sprechen. Es ist einfach nicht sein Ding: „Ich mag mich nicht auf so ein Verwöhn-Altenteil zurückziehen, das ist sehr schnell mit Leere identisch“, kommentiert Wieland Backes seine vielfältigen Aktivitäten. Wenn man gesund ist, wenn man die Kraft hat, sollte man sich seiner Ansicht nach einbringen und seinen Beitrag in der Gesellschaft leisten. „Es ist eine beglückende Erfahrung, mit anderen Menschen etwas zu bewegen“, ermuntert er vor allem die Älteren in der Naberner Zehntscheuer.

Im Grunde ist der Abend sehr unspektakulär und das im positiven Sinne. Wieland Backes lässt die Zuhörer an seiner Familiengeschichte teilhaben, schildert seinen Werdegang zum Fernsehen und die Entstehung des „Nachtcafés“. Er erzählt von Schwierigkeiten, Missgeschicken, amüsanten Sendungen und Sendungen mit sehr ernsten Themen wie Sterbehilfe oder Kindesmissbrauch. Der Blick hinter die Kulissen ist oft sehr humorig, aber auch sehr ernsthaft. Es wird klar, warum gerade das „Nachtcafé“ und genau dieser Moderator solchen Erfolg hatten.

Und da sind noch die Zitate, die Wieland Backes irgendwann aus einer Laune heraus als „Abhänger“ an das Ende der Sendung gestellt hat. Eigentlich eine Kleinigkeit, aber sie wurden zu einem Markenzeichen des „Nachtcafés“. Diesen Zitatenschatz hat er in einem kleinen Buch zusammengefasst, das es in der Zehntscheuer zu kaufen gibt. Die lange Schlange vor dem Signier-Tisch spricht für sich.

Wieland Backes in der Naberner Zehntscheuer, das ist ein „Wohlfühlabend“ für die Zuhörer. Sie genießen alles, was er ihnen erzählt und - vor allem - wie er es erzählt. Der SWR-Kultmoderator ist wie ein guter Freund, nie distanziert, immer persönlich. Wenn schon Thema Wieland Backes und „Nachtcafé“, dann muss am Ende jetzt auch noch eines der Zitate stehen, in dem Fall von Peter Ustinov: „Die Kirche sagt, du sollst deinen Nachbarn lieben. Ich glaube, die kennen meinen Nachbarn nicht.“ Zumindest in der Naberner Zehntscheuer löste das große Heiterkeit aus.

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