Kirchheim

Wie ein Maler von Schlachtszenen

Kunst „Culture of Confrontation“ heißt die Fotoausstellung im Kirchheimer Kornhaus, die dramatische Werke des international renommierten ukrainischen Künstlers Maxim Dondyuk zeigt. Von Kai Bauer

Bildinszenierungen, die an altmeisterliche Malerei erinnern: Fotografien von Maxim Dondyuk
Bildinszenierungen, die an altmeisterliche Malerei erinnern: Fotografien von Maxim Dondyuk. Foto: Markus Brändli

Das Städtische Museum im Kornhaus zeigt bis zum 10. Juni 2019 Arbeiten des ukrainischen Fotojournalisten Maxim Dondyuk aus dem Winter 2013/2014. Die Serie „Culture of Confrontation“, die auch als Fotoband erscheint, zeigt Bilder der Akteure auf dem Maidan vor den Kulissen der ukrainischen Hauptstadt Kiew in dramatischem Licht. Dondyuks Bilder gingen bereits in Presseberichten um die Welt, waren unter anderem im Spiegel, Stern, Le Monde oder im Time Magazine zu sehen und wurden durch Preise und internationale Ausstellungen ausgezeichnet.

Die Fotografien des 1983 in der Ukraine geborenen Journalisten sind mächtige, emotional berührende Bilder. Ihre Wirkung beruht nicht nur auf den dramatischen Ereignissen, sondern auch auf ihrer formalen Gestaltung. „Ich arbeitete wie ein Maler von Schlachtszenen“, erklärte Dondyuk im Künstlergespräch bei der Eröffnung, „die Fragen wer, warum oder wo waren mir im Moment der Aufnahme egal.“ Die präzisen Kompositionen, die Perspektiven der oft von erhöhten Standpunkten aus fotografieren Szenen und die diffusen Bildräume, die wie vom Pulverdampf historischer Schlachten durchzogene Massenszenen zeigen, schließen an altmeisterliche Malerei und große Bühneninszenierungen an.

Ebenso eindrucksvoll sind fokussierte Einzelfiguren dargestellt, die nie in reiner Heldenpose, sondern immer in gebrochener Ambivalenz auftreten. Sie scheinen allein gelassen und verloren.

Eine junge Frau, die einen Cellokasten auf dem Rücken trägt, hebt sich vor dem dramatischen Geschehen im Hintergrund ab und wird damit zur Identifikationsfigur. Maxim Dondyuks Figuren zeigen die Sicht der Individuen, auch in den Phasen, in denen der Festivalcharakter der Demonstrationen noch erhalten ist. Auf der anderen Seite setzt Dondyuk die Form des Panoramas ein, das Menschen als anonyme Masse zeigt. Diese zweite Form erinnert an die Arbeiten des deutschen Fotokünstlers Andreas Gursky, auf denen zahllose Personen als winzige Figuren in riesigen Büroräumen, endlosen Landschaften oder urbanen Architekturen zu sehen sind. In Dondyuks Fotografien ist die strukturelle Gewalt gesellschaftlicher Machtverhältnisse jedoch in offene Gewalt umgeschlagen: Demonstranten und Ordnungskräfte bekämpfen sich erbittert.

Vor über fünf Jahren begannen die Demonstrationen auf dem Maidanplatz, deren zunehmende Gewalttätigkeit eskalierte und die zum Sturz der Regierung unter dem Präsidenten Viktor Janukowitsch führten. Bei den Straßenschlachten verloren in wenigen Tagen 127 Menschen ihr Leben.

Während westliche Medien und Politiker zunächst von einem Aufstand sprachen, wird die Bilanz der eingetretenen Veränderungen nach fünf Jahren mehrheitlich als desaströs bezeichnet. Der Aufstand auf dem Maidan wurde offensichtlich von ganz unterschiedlichen Kräften benutzt, darunter von rechten nationalistischen und gewalttätigen paramilitärischen Gruppen, die Machtkämpfe unterschiedlicher Oligarchen austrugen. Die weltpolitischen Folgen, zu denen die Kämpfe in der Ostukraine, aber auch die völkerrechtlich nicht abschließend geklärten Ereignisse auf der Krim gezählt werden müssen, sind heute nicht absehbar.

Vor diesem komplexen Hintergrund wird die Macht der medialen Bilder deutlich. Gerade wurde der 41-jährige Showmaster Wolodymyr Selenski zum Sieger der ersten Wahlrunde für das Präsidentenamt. Er hatte in einer Fernsehserie einen Lehrer gespielt, der überraschend zum Präsidenten ernannt wird. Im wirklichen Leben führte Selenski keinen herkömmlichen Wahlkampf, sondern trat regelmäßig in seiner Satiresendung „95. Kwartal“ auf. Wie es zu einer solchen Vermischung von Realitätsebenen kommen konnte, wird vielleicht durch Maxim Dondyuks Fotografien verständlicher:

Sie zeigen das außergewöhnliche Unglück, das Zusammenbrechen der gesellschaftlichen Strukturen und den damit verbundenen Verlust jeglicher persönlichen Sicherheit und Orientierung. „Krieg ist das Schlimmste, was in einem Menschenleben passieren kann“, sagte Dondyuk im Künstlergespräch. Er nimmt nicht Partei für eine Seite, sondern fordert die Mündigkeit des Betrachters, der sich vielfältig informiert, eigene Standpunkte entwickelt und vorschnelle Urteile vermeidet.

 

Info: Die Ausstellung „Culture of Confrontation“ im Kornhaus in Kirchheim läuft noch bis zum 10. Juni. Öffentliche Führungen finden am 12. und 26. Mai sowie am 9. Juni jeweils um 14 Uhr statt.

Anzeige