Kirchheim

Wie klingt Kirchheim?

Musik Heute großes Wandelkonzert des Klangforschers Matthias Kaul in der Stadtmitte Von Ralf Sach

Matthias Kaul erklärt sein Experiment in der Musikschule. Foto: Markus Brändli
Matthias Kaul erklärt sein Experiment in der Musikschule. Foto: Markus Brändli

Kann Kirchheim flotte Musik? Hat diese Stadt Lust auf Ungehöriges? Das Netzwerk „Neue Musik Baden-Württemberg“ stellte diese Frage. Und sie geht tiefer als zunächst vermutet: „Spurensuche“ heißt das Projekt, das am Donnerstagabend in der Musikschule vorgestellt wurde.

Matthias Kaul, einer der hellhörigsten Klangforscher unserer Tage, führte bei dem Vortrag in eine noch nicht komponierte Komposition ein. Kirchheim als Klangraum: Auf dem Marktplatz am Samstagmittag. „Da ist Leben“, sagt Matthias Kaul, „da ist Musik.“ Und dann berichtet er aus seinem Leben als Hörsüchtiger. Er erzählt von seinem berauschenden Lauschen als Kind auf die Wassermusik im Innern des sich langsam erwärmenden Heizkörpers. Oder seinen virtuosen Zupfbasskonzerten am Abend auf Mamas Wäscheleine im Garten. Später, als er gefeierter Schlagzeuger einer Rockband war, gab man ihm zurück, seine Musik sei klasse. Nur leider müsse man da zuhören. Musik, der man zuhören muss? Das ist neu in der Unterhaltungsbranche.

Dabei will Kaul unterhalten. „Dazu benötigen wir aber Spielräume.“ Beispiele dafür hatte er in der Musikschule einige parat. Und Beispiele wird es am kommenden Samstagvormittag beim Wandelkonzert in der Kirchheimer Innenstadt geben. Der Begriff „Wandelkonzert“ behagte ihm zunächst gar nicht: „Doof, dass man dabei immer so viel Publikum verliert.“ Außerdem hätten bewegliche Menschenansammlungen immer so etwas unangenehm Beliebiges. Schließlich aber habe er sich doch an der Bedeutung des Wandelns im Sinne von Wandlung begeistert. Wandeln bewirkt Wandel. Wie wandlungsfähig ist Kirchheim?

Kaul spricht selbst vom Geldverdienenmüssen. Als Straßenmusiker habe er Geld im buchstäblichen Sinn auf der Straße liegen sehen. In Stoßzeiten 100 Euro die Stunde. Und es ärgere ihn, dass er mitunter namhaften Komponisten als musikalischer Ghostwriter zu ihrem Erfolg verholfen habe. Ein Echo der Anerkennung habe er nie gehört. Aber auch das sei Musik: Wenn Erwartungen enttäuscht werden und nichts zu hören sei. Die Pausen seien überhaupt das Wichtigste. Hier fänden Spurensuchen statt: Woran lässt sich anknüpfen, welche Verbindungen können aufgegeben werden?

Und dann legte der Komponist vor der fasziniert lauschenden Zuhörerschar eine Schallplatte auf, auf der nur ein wirres Knistern zu hören war. Als Schlagzeuger sei er immer fasziniert gewesen von der Struktur eines Geräusches, an dem sich traditionelle Schallplattenhörende störten. Und sogleich spürte er konzentriert mit seinem mitgebrachten Perkussions-Arsenal den versteckten Botschaften seiner demolierten Vinyl nach.

Auch am Samstag werden all die vielen klanglichen Fäden in der Martinskirche zu einem zusammenfassenden Knäuel verbunden. Fäden aus fremden Düften, Fahrradständern und einem Publikum, das selbst bestimmt, was es hören will, ohne jedoch die eigene Entscheidung verstehen zu können.

Info Der Auftakt der Kirchheimer Symphonie erfolgt um 10 Uhr vor der Stadtbibliothek. Es musizieren Gruppen der Musikschule Kirchheim. Außerdem Flüchtlinge und Kochfrauen. Der Kirchheimer Marktplatz musste ausgespart werden. Dort ist traditionell Markt.

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