Kirchheim

Wie sicher sind Busse nachts?

Nahverkehr Die Sicherheit der Fahrgäste hat für Kirchheimer Busfahrer höchste Priorität. Trotzdem sorgen Einzelfälle für Verzögerungen. Auch kleine Rangeleien kommen manchmal vor. Von Daniela Haußmann

Anders als beim Zug hat der Busfahrer den Fahrgastraum stets im Blick und kann reagieren. Foto: Daniela Haußmann
Anders als beim Zug hat der Busfahrer den Fahrgastraum stets im Blick und kann reagieren. Foto: Daniela Haußmann

Hinter den spiegelnden Scheiben fliegt das nächtliche Kirchheim vorbei, der Bus ruckelt leise, in der hintersten Sitzreihe steckt sich ein Jugendlicher die Kopfhörer in die Ohren und wippt mit dem Fuß im Takt der Musik. Es ist 20.30 Uhr als Rene Grunzes roter Omnibus in die Haltestelle am Kirchheimer Bahnhof rollt. Seit 17 Jahren arbeitet er als Fahrer im Nahverkehr - sieben davon in der Teckstadt. Sein Job beim Omnibusverkehr Kirchheim (OVK) macht ihm Spaß. Zu seinen Fahrgästen hat er einen guten Draht. Manche kennt er persönlich. „Gerade bei Nacht, wenn nicht so viel los ist, komme ich mit den Leuten ins Gespräch.“ In all den Jahren, in denen er nun schon Menschen befördert, ist ihm noch nie etwas zugestoßen. Er hofft, dass das so bleibt.

„In Berlin sitzen die Kollegen aus Sicherheitsgründen in einer Kabine, die sie vom Gastraum trennt“, erzählt Grunze. In anderen Städten sind Fahrer schon attackiert und verletzt worden. Kirchheim sei zwar nicht Berlin oder Stuttgart, aber unerfreuliche Vorkommnisse gebe es auch hier. Gemessen an den rund 1,5 Millionen Menschen, die OVK jedes Jahr befördert, fällt der Anteil der Zwischenfälle, laut Firmenchef Eberhard Dannenmann, „gering“ aus. Rangeleien, kleinere Handgemenge, Schüler, die sich in die Haare kriegen, ein Fahrgast, der versucht, dem Buslenker ins Steuer zu greifen oder ein Betrunkener, der sich mal im Ton vergreift oder sich übergeben muss - für den Geschäftsführer sind das „Begebenheiten, bei denen bislang nie jemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist“.

Auffällig ist für Eberhard Dannenmann allerdings, dass seine Mitarbeiter mittlerweile täglich von Streitigkeiten und endlosen Diskussionen berichten, bei denen ihnen auch schon mal Beleidigungen an den Kopf fliegen. Auslöser ist meist das gleiche Thema: der Ticketpreis. „Der stößt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, überwiegend bei Zuwanderern auf Kritik“, so Dannenmann. „Einige weigern sich zu zahlen, bestehen aber trotzdem darauf, dass sie der Fahrer mitnimmt.“ So entstehen mühselige Debatten, bei denen auch Sprachbarrieren eine Rolle spielen.

Wie ausufernd solche Gespräche ausfallen können, hat Thomas Wisst vor einem Dreivierteljahr erlebt. „Zwei ausländische Fahrgäste wollten nicht zahlen. Nach vielem hin und her hat sie der Mitarbeiter des Busses verwiesen“, erinnert sich der Disponent. „Einer der beiden hat das nicht akzeptiert und sich vors Fahrzeug gestellt. Als der Fahrer deutlich machte, dass er die Polizei ruft, ermutigte ihn der junge Mann noch dazu.“ Bis der Bus seine Fahrt fortsetzen konnte, verstrichen Eberhard Dannenmann zufolge 1,5 Stunden, in denen Menschen verärgert an Haltestellen warteten.

So etwas ist Rene Grunze zum Glück noch nie passiert. „120 Kilo verteilt auf fast 1,90 Meter machen Eindruck.“ Er ist überzeugt, dass der Bus selbst in den Nachtstunden ein sicheres Mittel ist, um ans Ziel zu kommen.

Ähnlich sieht es Esra Tanriverdi. Die 26-Jährige kommt meistens gegen 21 Uhr mit der S-Bahn aus Esslingen nach Kirchheim, wo sie am Bahnhof in den Bus umsteigt. „Der Fahrer hat über den Rückspiegel alles im Blick und das Fahrzeug ist durch seine Größe überschaubar. Da fühle ich mich sicher“, erklärt die Kirchheimerin. „In der S-Bahn dagegen ist es mittlerweile an der Tagesordnung, dass ich angemacht werde.“ Bei solchen Vorkommnissen rät die Deutsche Bahn dazu, von den hinteren Waggons in den Triebwagen zu wechseln und gegebenenfalls an die Tür des Lokführers zu klopfen. Alle Fahrzeuge des Unternehmens sind laut einem Sprecher mit Überwachungskameras ausgestattet. Bei regionalen und lokalen Events wie zum Beispiel VfB-Spielen fahren ihm zufolge Mitarbeiter der DB-Sicherheit in den Zügen mit.

Meldungen von Busfahrern, die verprügelt oder ausgeraubt wurden, stimmen Rene Grunze nachdenklich. „Das berührt einen natürlich. Eine gewisse Anspannung fährt immer mit“, räumt er ein. Nach nur zwei Haltestellen verabschiedet sich Esra Tanriverdi, die bei Dunkelheit lieber den Bus nimmt. Rene Grunze fährt sie und andere Frauen zu fortgeschrittener Stunde auch einmal bis vor die Haustüre, um sicherzugehen, dass die Fahrgäste sicher daheim ankommen.

Eberhard Dannenmann nimmt das subjektive Sicherheitsempfinden seiner Kundschaft ernst. Das wird nicht nur durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, sondern auch durch „saubere und gut ausgeleuchtete Haltestellen beeinflusst“.

Straftaten in Zügen nehmen zu

Die Beamten der Bundespolizeiinspektion Stuttgart leisten auch im Landkreis Esslingen in Zügen und an Bahnhöfen einen Beitrag zur Sicherheit. In diesem Zuständigkeitsbereich registrierten die Ordnungshüter 2015 etwa 500 und 2016 etwa 600 Straftaten in den Zügen und S-Bahnen sowie an den Haltestellen im Landkreis. Sachbeschädigungen machten in beiden Jahren knapp die Hälfte der Gesamtfälle aus. Die Zahl der Körperverletzungen betrug 2015 30 Zwischenfälle, 2016 waren es 40. Zwischen 2015 und 2017 wurden zwei Vergewaltigungen bei der Bundespolizei bekannt.

Im Zeitraum 2015 bis 2017 liegt die Zahl der deutschen Tatverdächtigen bei über 200, die der ausländischen bei knapp über 400, wobei mehr als die Hälfte der über 600 Tatverdächtigen Fahrgelddelikte begangen hat. Bei Fällen mit sexuellem Hintergrund sind knapp über 50 Prozent der Täter nicht deutscher Herkunft. Bei den Körperverletzungen liegt ihr Anteil nach Polizeiangaben bei unter 50 Prozent. Alle Zahlen beziehen sich auf den Landkreis Esslingen. dh

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