Kirchheim

„Wie sieht’s aus, Herr Bischof?“

Begegnung An einem Abend zu den bevorstehenden Kirchengemeinderatswahlen lässt sich Gebhard Fürst in der Weilheimer Kirchengemeinde St. Franziskus ordentlich auf den Zahn fühlen. Von Andreas Volz

Auf dem Podium zur Kirchengemeinderatswahl stehen Sergio Grieshaber, Bischof Gebhard Fürst, die Moderatorinnen Simone Jäger und
Auf dem Podium zur Kirchengemeinderatswahl stehen Sergio Grieshaber, Bischof Gebhard Fürst, die Moderatorinnen Simone Jäger und Barbara Strifler sowie Damiana Gomes, Felix Poloczek und Ulrich Mühlhause (von links). Fotos: Jean-Luc Jacques

Bischof vor Ort: Gebhard Fürst stellt sich im Vorfeld der Kirchengemeinderats- und Pastoralratswahl den Fragen der Gemeindemitglieder in fünf verschiedenen Dekanaten. Nach dem Motto der Wahl - „Wie sieht‘s aus?“ - besteht beim bischöflichen Besuch also auch die Möglichkeit, dem Oberhaupt der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf den Zahn zu fühlen und zu fragen: „Wie sieht‘s aus, Herr Bischof?“

In der Weilheimer Kirchengemeinde St. Franziskus wurde von dieser Gelegenheit reichlich Gebrauch gemacht. Die Fragen aus dem Publikum betrafen allerdings weniger die Wahlen, die am 22. März 2020 stattfinden. Es ging eher um grundsätzliche Positionen der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert - um große Seelsorgeeinheiten und fehlendes Personal sowie um die Frage nach Priestertum oder zumindest Diakonat der Frau.

Letzteres ist für Gebhard Fürst gar kein Problem: Den Diakonat der Frau hält er schon längst für ein „Zeichen der Zeit“. Allerdings schränkt er ein, dass er das nicht einfach kraft Amtes eigenständig in seiner Diözese umsetzen kann: „Das muss die Weltkirche regeln.“ Und da zeige sich eben, dass die Forderung nach dem Diakonat der Frau nur in westlichen Ländern erhoben wird. In Osteuropa oder in Asien sehe man das ganz anders: „Da gäbe es ein Akzeptanzproblem, wenn die Kirche das einführen würde.“

Er selbst setze sich trotzdem weiter dafür ein, dass es eines Tages auch Diakoninnen geben kann - zumal der Papst auf der Amazonas-Synode versprochen habe, das Thema aufzugreifen. Und doch bleibt noch ein großes Aber: „Von morgen auf übermorgen wird das sicher nicht geschehen.“

Deutlich kürzer fällt die Antwort des Bischofs auf die Frage nach dem Priestertum für Frauen aus. Bei dieser Frage verzichtet er auch gänzlich darauf, sich mit einer eigenen Meinung vorzuwagen. Er sagt dazu nur: „Die ,Priesterin‘ ist uns nicht möglich. Da wird sich nichts bewegen. Ich hoffe aber, dass sich beim Diakonat etwas bewegen wird.“

Dennoch sieht er Frauen nicht als unterrepräsentiert an in der katholischen Kirche, womit er wieder das Grundthema des Abends aufgreift: „In den Kirchengemeinderäten haben wir oft einen Frauenanteil von 50 Prozent und mehr. Da muss ich mir eher Sorgen darüber machen, dass nicht genügend Männer kandidieren.“ Für seine Diözesankurie nennt Gebhard Fürst immerhin einen Anteil von 30 Prozent, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht.

Auch sonst beschreibt der Bischof die Diözese Rottenburg-Stuttgart als sehr fortschrittlich: „Der Diözesanrat verfügt über das Haushaltsrecht. Wenn ich da einmal meine Unterschrift verweigern würde, kann er mich mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit überstimmen. Wir sind weltweit die einzige Diözese, in der das möglich ist.“ Seit 50 Jahren bestehe diese Regelung schon, die sogar ein Kardinal genehmigt habe.

Bei den Seelsorgeeinheiten sieht der Bischof tatsächlich die Gefahr, dass es eher Verwaltungseinheiten als Seelsorgeeinheiten sein könnten. Deshalb gehe es jetzt in der Diözese darum, Seelsorger von Verwaltungsaufgaben zu entlasten: „Seelsorger sollten nicht zu Managern werden, aber auch nicht zu Solotänzern. Wir brauchen da eine gute personelle Ausstattung.“

Verantwortung für das Personal

Wenn in einer Gemeinde auf Jahre hinaus der Posten von Pastoralreferenten unbesetzt bleibe, liege das aber nicht immer nur daran, dass es kein Personal gibt: „Wir ermuntern Frauen und Männer, sich um die freien Stellen zu bewerben. Aber ich ordne ganz bewusst keine Versetzung an - obwohl ich das dürfte. Ich will es nicht verantworten, Familien aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen.“

Die Gleichung, dass immer mehr Ehrenamtliche die Arbeit der fehlenden Hauptamtlichen übernehmen müssen, will er keinesfalls gelten lassen: „Die Stärkung der Laien war eine Trendwende des Zweiten Vatikanischen Konzils. Da ging es um das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen. Die Kirche sollte vom Kopf auf die Füße gestellt werden.“ Und so kommt Gebhard Fürst auf das Gemeindeverständnis des Apostels Paulus zu sprechen: „Es gibt viele Gaben, aber einen Geist. Keiner hat alles, keiner hat nichts. Aber wenn wir alle Gaben zusammentragen, sind wir eine lebendige Gemeinde.“

Das gilt auch für die Ehrenamtlichen, die sich im Kirchengemeinderat engagieren: Auf dem Podium betonten alle, wie wichtig es ist, die Jugend in das Geschehen einzubinden, aber ohne Zwang. Ob die Jugend nun die Zukunft ist oder bereits die Gegenwart - der Bischof fasste die Meinungen folgendermaßen zusammen: „Jugendliche müssen die Kirche als hilfreich erleben für ihre Fragen. Sonst geht morgen das Licht aus.“

Gesprächsabend mit Bischof Fürst in der Kirchengemeinde St. Franziskus in Weilheim
Gesprächsabend mit Bischof Fürst in der Kirchengemeinde St. Franziskus in Weilheim
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