Kirchheim

Winnenden im Kopf

Großeinsätze In Zeiten von Terrorangst und Unsicherheit in der Bevölkerung müssen Hilfs- und Rettungskräfte Lagen objektiv beurteilen – wie beim Alarm im Kirchheimer Schlossgymnasium. Von Bernd Köble

Feuerwehr und Rettungsdienste sondieren am vergangenen Freitag die Lage im Schlossgymnasium. Hinterher stellte sich heraus: alle
Feuerwehr und Rettungsdienste sondieren am vergangenen Freitag die Lage im Schlossgymnasium. Hinterher stellte sich heraus: alles halb so schlimm.Foto: Jean-Luc Jacques

Stundenlanges Sirenengeheul, Kolonnen von Rettungsfahrzeugen, über der Stadt kreisende Hubschrauber - was Kirchheim am Freitag vergangener Woche landesweit Schlagzeilen bescherte, ist auch für Polizei und Hilfskräfte nicht alltäglich. Die Evakuierung der Schule mit fast 800 Schülern und Lehrern wegen einer Pfefferspray-Attacke am letzten Schultag vor den Osterferien verlief spektakulär, ging vergleichsweise glimpflich aus, ist zum Leidwesen der Einsatzkräfte aber kein Einzelfall.

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Fälle wie diese häufen sich bundesweit (siehe Infoteil). Neben der real existierenden Terrorgefahr halten Scherzbolde, geistig verwirrte Trittbrettfahrer und übereifrige Bürger Polizei und Rettungsdienst auf Trab. Und die sind weitgehend machtlos. Kleine Ursache, große Wirkung - das galt auch zwei Tage vor den Ereignissen am Schlossgymnasium in der Plochinger Straße in Esslingen: Am Mittwochabend gegen 20 Uhr evakuierten Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste mehrere Häuser, brachten 17 Bewohner in Sicherheit. Der Grund: Eine Frau hatte vier dunkelhäutige Männer dabei beobachtet, wie sie zwei Gefäße in einem Müllcontainer verschwinden ließen. Die vermeintlichen Bomben stellten sich hinterher als Bioabfall-Kübel heraus.

Für die Einsatzkräfte gibt es keine Alternative zum Ernstfall: „Wachsamkeit ist nie übertrieben“, sagt Polizeisprecherin Andrea Kopp im Reutlinger Präsidium, das auch für den Kreis Esslingen zuständig ist. Der zuständige Beamte, der im Führungs- und Lagezentrum in Reutlingen auch den Anruf aus dem Schlossgymnasium entgegennahm, hat keine andere Wahl, als mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ob herrenlose Gepäckstücke, verdächtige Personen oder gereizte Lungen, „solange eine Gefahr nicht völlig ausgeschlossen werden kann, greifen die Einsatzpläne“, sagt Andrea Kopp.

Einsatzpläne, die das Innenministerium festlegt und an denen sich auch in Zeiten von Terror und täglichem Wahnsinn offenbar nichts geändert hat. Der Durchschnittsbürger mag zu Paranoia neigen, die Einsatzkräfte handeln nach Plan. „Die Gefahrenlage einzuschätzen, ist Aufgabe des diensthabenden Polizeiführers, der den Notruf am Telefon entgegennimmt“, sagt Kopp. „Er überträgt die Einsatzleitung auf die Kollegen vor Ort und entscheidet immer im Einzelfall. In jedem Fall im Sinne der Sicherheit.

Ein solcher Plan griff auch am vergangenen Freitag nach dem Alarm im Schlossgymnasium. Ein „Massenanfall von Verletzten“ nennt sich das angenommene Szenario in der Sprache der Rettungsdienste. Udo Bangerter nennt es den größten Hilfseinsatz im Land seit dem Amoklauf in Winnenden im März 2009. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit hört der Pressesprecher des DRK-Landesverbands in Stuttgart oft. „Hinterher kommt man meist zu einem anderen Ergebnis als zuvor“, sagt er. Bei einer unklaren Lage kämen Mechanismen in Gang, die vorher genau definiert sein müssen.

Kosten schwer zu beziffern

Ob sich Fälle wie der in Kirchheim auch im Südwesten häuften? „Zumindest für unseren Zuständigkeitsbereich kann ich das nicht bestätigen“, sagt Bangerter. Genauso wenig wie zu beziffern sei, was ein solcher Einsatz kostet. Die Summe dürfte sich im sechsstelligen Bereich bewegen. Geld, das in fast allen Fällen am Steuerzahler hängen bleibt. „Mir ist kein Fall bekannt, dass diese Einsatzkosten jemals irgendjemandem in Rechnung gestellt wurden“, sagt der DRK-Sprecher. Jan Holzner, Vertreter der Staatsanwaltschaft in Stuttgart, betont: „Eine mögliche Kostenerstattung ist nicht Teil eines Strafverfahrens, selbst wenn es einen Schuldigen gäbe.“

Den gibt es bisher noch nicht. Die Kriminalpolizei ermittelt, tut sich bei der Befragung von Schülern angesichts der Ferien allerdings schwer. Polizeisprecherin Andrea Kopp spricht von mühsamer Kleinarbeit. „Im Moment gibt es nichts Neues zu berichten.“