Kirchheim

„Wir brauchen keine brennenden Autos“Nachgefragt

Interview mit dem Vorsitzenden des DGB-Ortsverbands in Kirchheim Wolfgang Scholz

In Kirchheim gehen am 1. Mai traditionell nur Gewerkschafter 40 plus auf die Straße. Interessiert sich die Jugend denn überhaupt nicht mehr für Politik?

Wolfgang Scholz
Wolfgang Scholz

Das Klischee besagt, dass sich die Jugendlichen heutzutage überhaupt nicht mehr um Politik scheren.

WOLFGANG SCHOLZ: Dem würde ich stark widersprechen. Wenn man sie richtig einbindet, kann man Jugendliche schon für Politik begeistern. In unsere Gewerkschaft treten zum Beispiel auch immer mehr junge Menschen ein.

In Kirchheim waren gestern trotzdem kaum Jugendliche auf der Straße.

SCHOLZ: Es ist eben ein Fest der Gewerkschaften. Und in Gewerkschaften sind eben immer noch eher ältere Menschen vertreten.

Wie kommt das? Sind die heutigen Jugendlichen in einer Welt aufgewachsen, in der einfach alles zu gut ist, um auf die Straße zu gehen?

SCHOLZ: Das glaube ich nicht. Ein paar Einzelnen geht es sehr gut – das stimmt. Doch wir haben auch heute mit vielen Problemen zu kämpfen: Leiharbeit, Arbeitslosigkeit, sinkende Renten. Das macht keinen Spaß.

Gerade die sinkenden Renten betreffen doch die jüngere Generation. Trotzdem passiert nichts.

SCHOLZ: Es gibt heutzutage einen Trend, dass die Leute zufrieden sind, wenn es ihnen selbst gut geht. Bei den Renten wird es verstärkt zu Altersarmut kommen. Aber die Menschen nehmen das einfach hin – noch interessiert es sie nicht. Man sollte trotzdem nicht alles nur der Generation in die Schuhe schieben. Es kommt auch auf die äußeren Bedingungen an.

Waren Sie selbst denn früher anders?

SCHOLZ: Ich war als Jugendlicher sehr politisch aktiv. 1968 war ich  15. Man kann schon sagen, dass die 68er einen Einfluss auf mich hatten. Es gab viele Demonstrationen und Aktionen damals – oft war ich dabei.

In Städten wie Berlin geht noch heute am 1. Mai die Post ab. Wünschen Sie sich für Kirchheim ein bisschen mehr Action?

SCHOLZ: Ein paar mehr Teilnehmer, das wäre schön. Aber ob der Rest wünschenswert ist, bezweifle ich. Krawall und Gewalt lehnen wir ab. Wir brauchen keine brennenden Autos in Kirchheim.

Kirchheim hatte mal das Image, eine politische Stadt zu sein. Wie sieht‘s heute aus?

SCHOLZ: In Kirchheim passiert immer noch viel. Es gibt eine relativ große Antifa-Szene, in der sich Jugendliche engagieren. Außerdem haben wir ein großes Bündnis gegen TTIP. Und es engagieren sich eine Menge Kirchheimer in der Flüchtlingshilfe.

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