Kirchheim

„Wir leben von sozialen Kontakten“

Gastronomie Drohende Sperrstunden und Beschränkungen für Feiern bringen viele Gastwirte in Existenznot. Sie kritisieren das „Regel-Wirrwarr“. Von Thomas Zapp

Die Außengastronomie so lange wie möglich über den Winter geöffnet lassen: Die Gastronomen versuchen auf viele Arten, ihren Gäst
Die Außengastronomie so lange wie möglich über den Winter geöffnet lassen: Die Gastronomen versuchen auf viele Arten, ihren Gästen die Angst vor Ansteckungen zu nehmen. Foto: Markus Brändli

Stell Dir vor, es ist Verlängerung und Du musst nach Hause gehen: „Ein Champions League Spiel kann schon mal länger als 23 Uhr gehen. Was ist denn dann?“, fragt sich nicht nur Michael Holz, Wirt des „3K - Burger&More“ in Kirchheim. So weit ist es zwar noch nicht, denn die Sperrstunde um 23 Uhr, Horrorvision für jeden Gastronom und Fußballfan, ist als Maßnahme gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie für den Landkreis noch nicht beschlossen. Aber sie schwebt als Damoklesschert über den Wirten Kirchheims. „Derzeit wird geprüft, ob die Voraussetzungen dafür vorliegen,“ sagt Robert Berndt, Sprecher der Stadt Kirchheim. Vom Tisch ist sie also noch nicht. Deny Scarlino ist kampfbereit. „Wenn eine Sperrstunde kommt, werden wir uns wehren, wir werden klagen“, sagt der Wirt vom „Wilden Mann“ in Kirchheim. Michael Holz hat seine Öffnungszeiten vorsorglich schon einmal vorgezogen und öffnet jetzt auch mittags. Dennoch liegt sein Umsatz bei rund 30 Prozent im Vergleich zum Normalbetrieb. „Das ist nicht wirtschaftlich“, sagt er.

Thomas Eberhardt vom Gasthaus Lamm in Neidlingen schätzt über das Jahr bislang das Minus auf 30 Prozent. Momentan helfen ihm die Sonntage über die Runden, wenn das Gasthaus weitgehend voll ist. Der Vorsitzende der Fachgruppe Gastronomie in der Esslinger Delegation des Branchenverbands Dehoga sieht die Gastronomen zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Schwerpunkt des Infektionsgeschehens liege im Privatbereich, die Gastronomie sei lediglich zu 0,5 Prozent beteiligt. Deswegen versteht er nicht, dass Familienfeiern in Lokalen auf zehn Personen beschränkt wurden. Das sei ein Verlustgeschäft: Eine Bedienung lohne sich erst ab 25 Gästen, erklärt er. „Ich habe von Kollegen gehört, die drei Gruppen an einem Tag absagen mussten.“ Auch Hochzeitsfeiern finden nicht mehr statt. „Auf dem Standesamt dürfen sich 100 Leute aufhalten, beim Sektempfang nur noch zehn. Das hat mir so ein Bürgermeister gesagt“, führt Eberhardt an. Was die Politik mache, könne kein Bürger nachvollziehen, meint er. Eberhardt versteht nicht, warum nicht wenigstens 30 Feiergäste in einem großen Raum möglich sind. So wie jetzt lohne sich der Betrieb nicht.

Die momentane Politik erzeuge Angst und das sei das Schlimmste. Das meint auch Deny Scarlino: Die Unsicherheit sei tödlich für die Gastronomie. „Keiner weiß, was ist“, kritisiert er die Informationspolitik der Behörden. „Regel-Wirrwarr“ und „Angstmacherei“ empfindet der Jung-Gastronom. Michael Holz denkt ähnlich. „Die Leute haben Angst, wenn die Bundeskanzlerin sagt: ‚Bleiben Sie zu Hause.‘“ Das sei für seine Branche fatal. „Wir leben von sozialen Kontakten.“

Dabei stehen sie grundsätzlich hinter den Regeln, wie beide betonen. „Wir versuchen, alles richtig zu machen. Geben Masken raus, wenn Gäste keine dabei haben. Ich kontrolliere die Listen. Donald Ducks haben wir nicht, in Kirchheim kennt man die meisten“, sagt Scarlino. Er hat sogar in den Toiletten einen Fußöffner montiert, damit man den Türgriff nicht anfassen muss. Mit zehn Mann habe das Ordnungsamt schon bei ihm kontrolliert und sei zufrieden gewesen, betont er.

„Die Verstöße bewegen sich bisher im niedrigen zweistelligen Bereich“, bestätigt Robert Berndt, Sprecher der Stadt Kirchheim, dass sich die Gastronomie weitestgehend an die Vorgaben hält. Kontrolliert werde sowohl vom Gemeindevollzugsdienst als auch von der Polizei im Rahmen einer allgemeinen Gastronomiekontrolle wie am Wochenende vom 10. und 11. Oktober auch gemeinsam, erklärt er.

Umso mehr stören Michael Holz die ständigen Strafandrohungen. „Man hat dauernd das Gefühl, dass man etwas falsch macht. Das geht irgendwann auch auf die Psyche“, meint er. Für ihn kommt es nur darauf an, dass die Leute überhaupt wieder rausgehen. „Mit den AHA-Regeln ist das kein Problem.“

Die Gastronomen wollen eine Perspektive haben. „Den Job machen wir nicht, um reich zu werden, sondern weil er uns Spaß macht. Der wird uns gerade genommen“, sagt Deny Scarlino. Sperrstunden und Kontaktbeschränkungen im Öffentlichen Leben führen eher dazu, dass sich Leute heimlich zu Hause zu treffen, ohne Abstand, ohne Hygiene-Maßnahmen. Er schläft schlecht, sagt er. „Wir zittern jeden Tag, wir bangen um unsere Existenz, wir haben enorme Kosten und Einbußen in Kauf genommen um dann von der Politik trotzdem maßlos überreguliert zu werden.“ Sein Appell ist daher klar: „Besucht die Gaststätten, nehmt ihre Dienste in Anspruch, befolgt die Regeln, und wir kommen alle durch die Krise.“

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