Kirchheim

Wir waren dabei!

Andreas Kenner, Stadtführer, Politiker und Bastionike, war zwar 1969 noch zu jung, um in die Bastion gelassen zu werden, dürfte
Andreas Kenner, Stadtführer, Politiker und Bastionike, war zwar 1969 noch zu jung, um in die Bastion gelassen zu werden, dürfte aber den Eingangskeller häufiger als die meisten anderen passiert haben.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Pop und Protest. Spießermief und Freiheitssehnsucht. Mondlandung und Atomstrom. – Die 60er-Jahre haben viele

Gesichter. Bis ins letzte Wohnzimmer wurde die Gesellschaft mit ihren eingefahrenen Strukturen auf den Kopf gestellt – und das fast überall: Im Bundesstaat New York prägten die Hippies und viele, die sich bisher gar nicht so bezeichnet hatten, mit Woodstock eine neue Festkultur. Aus dem englischen Liverpool kamen vier Pilzköpfe nach Hamburg und begannen die Massen mit einem neuen Musikstil zu begeistern. In Berlin erreichte die Studentenrevolte mit dem Tod Benno Ohnesorgs einen Höhepunkt.

Und in Kirchheim? Jawohl, auch hier tat sich was: Auch wir waren dabei, mag man im Nachklapp mit gewissem Stolz sagen. – Spätestens seit Spiegel-Redakteur Joachim Mohr jetzt im Spezialheft Spiegel Geschichte „Die 60er Jahre“ der schwäbischen Provinz ein Denkmal gesetzt hat.

„Nacktschau im Jugendclub“ ist der Artikel des Kirchheimer Journalisten betitelt – ein Rückgriff auf eine Bildzeitungsschlagzeile. Das Boulevardblatt hatte sich im Oktober des Jahres 1969 aufs Land begeben, um das Eröffnungswochenende des „club bastion“ mitzuerleben. – Ganz im Gegensatz zum Spiegel übrigens, bei dem die Macher nach Aussagen von Bastions-Gründungsmitglied Otwin Schierle seinerzeit auch vorsprachen. Geladen waren nicht nur unbequeme Barden wie Reinhard Mey oder Hannes Wader. Wie sich Schierle erinnert, war es Eo Kröger vom Bastionsvorstand, der den Künstler Otto Mühl empfahl. Sein Argument klingt ziemlich modern: „Mit dem werden wir überregional bekannt!“

So war‘s denn auch. Mühl tat all das, was die Bastioniken von ihm erhofften: Er onanierte mit einer Bierflasche und vollzog Beischlafbewegungen mit seiner Frau, die – oh Schreck! – oben ohne vor die Kirchheimer trat. Die wiederum zeigten sich rechtschaffen prüde.

In der Folgezeit wurde der Club erstmal geschlossen. Doch die Betreiber des „Gammlerkellers“, wie es im Spiegel heißt, ließen nicht locker. Die Kündigung des Mietvertrags wurde für rechtswidrig erklärt, im „Kommunistenloch“ herrschte wieder munterer Hochbetrieb. Die Bastioniken traten samstäglich zuverlässig in der Stadt in Erscheinung: Sie verteilten Flyer, um auf ihre „Events“, wie man heute sagen würde, aufmerksam zu machen. Ansonsten saßen sie politisierend und rauchend in einschlägigen Kirchheimer Kneipen, etwa der „Sonne“ oder der „Germania“, deren Gebäude längst abgerissen sind.

Dass der junge Club die Bürgerseele überhaupt so hochkochen ließ, kann sich Otwin Schierle nur mit den politischen Veranstaltungen und dem kritischen Kabarett erklären. Dabei war es der ursprüngliche Wunsch, Kultur nach Kirchheim zu holen, die man sonst hier nicht bekam – in erster Linie Jazz. „Damals musste man immer nach Stuttgart“, erinnert sich ­Schierle. In einem feuchten Keller in Ötlingen hatten die Bastions-Vorreiter eine erste Bleibe gefunden, ehe sie sich auf die „Bastei“ besannen, einen voller Gerümpel stehenden Raum, den Schierle und andere als Kinder beim Spielen in den 50er-Jahren in den verwunschenen Gängen der ehemaligen Befestigung aufgestöbert hatten. Speziell in der Jazzszene sollte die Bastion später tatsächlich Berühmtheit bis nach Amerika erhalten, auch heute noch wissen längst berühmte Gäste aus der Gründerzeit die besondere Atmosphäre zu schätzen.

Damals waren es nur die Bastioniken, die stolz waren auf das, was sie geschaffen hatten. Doch die Denke der Bastion ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie die Einbettung ihrer Geschichte im Spiegel-Heft zwischen einem Bericht über Mao und einer Story über Feminismus zeigt. Das bestätigt auch Anne Kenner, Kirchheimer Ur-gestein, langjähriger Vorsitzender im Club Bastion und seit Kurzem SPD-Landtagsmitglied. Er weiß von einer Ausstellung über die 60er-Jahre im Haus der Geschichte in Stuttgart, in der Kirchheim ein wichtiges Thema sein wird. Hier nimmt man's wohlwollend zur Kenntnis: Wir waren dabei!

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