Kirchheim
Wirte schreiben Brandbrief

Lockdown Für Gastronomen und Hoteliers spitzt sich die wirtschaftliche Lage zu. Der Branchenverband Dehoga will zum Bund-Länder-Gipfel ein Zeichen setzen. Von Thomas Zapp

Kirchheim. Die Veranstaltungsbranche ist seit einem Jahr zum Nichtstun verdammt, Gastronomie und Hotellerie befinden sich seit fünf Monaten im zweiten Lockdown. Viele kämpfen ums Überleben und verlangen vor dem nächsten Corona-Gipfel von Bund und Ländern am Montag, 22. März, Klarheit darüber, wie es weitergeht. Der Branchen-Verband Dehoga hat deshalb alle Mitglieder aufgerufen, einen Brandbrief zu verfassen, der an die Teilnehmer des Gipfels gehen soll. Thomas Heidkamp vom Kirchheimer „Bistro 93“ ist einer von ihnen.

„Für Restaurants mag Essen zum Abholen oder ein Lieferservice ein halbwegs funktionierendes Geschäftsmodell sein, ihre Unternehmen zu retten. Sicher aber nicht für alle und die Frage ist, wie lange noch, ehe der Konsum wieder abflaut“, schreibt Heidkamp. Er warnt vor Depressionen wegen Perspektivlosigkeit und existenzieller Bedrohung. Es gehe auch um die Gesundheit derjenigen, die unter den Lockdown-Maßnahmen am meisten leiden. „Meine persönliche Gesundheit hat mittlerweile massiv unter diesem erheblich existenzbedrohenden Zustand, der zudem immer noch komplett perspektivlos ist, gelitten. Ich fürchte ernste gesundheitliche Folgen für mein Leben, wenn dieser Lockdown weiter anhält oder gar weitere drohen“, schreibt er. Ihm fehle es in der Politik an der Erörterung von Wegen, wie dieses „für alle dringend notwendige gesellschaftliche Leben in Bezug auf das Virus künftig gestaltet“ werden kann.

„Es herrscht die Angst vor einer Lockdown-Dauerschleife. Wir brauchen konkrete Öffnungsperspektiven“, sagt Daniel Ohl, Pressesprecher der Dehoga Baden-Württemberg. Bei einer Befragung hätten 60 Prozent der Betriebe angegeben, akut gefährdet zu sein. Stand gestern sind knapp 900 Gastronomen und Hoteliers dem Appell nachgekommen.

Wie Thomas Heidkamp. Das Abhängigmachen einer Öffnungs- und Schließungsorgie von Infektionszahlen in Relation zur Einwohnerzahl erscheint ihm „vollkommen willkürlich“. Sinnvoller wäre die Relation zwischen durchgeführten Tests und nachgewiesenen Infektionen. Denn nur das könne Aufschluss über das wirkliche Ausmaß der Pandemie geben. Zudem führe das ständige Hin und Her nur zum Abdriften vieler Bürger in die Anonymität und damit immer wieder dazu, Infektionsketten überhaupt nicht mehr beherrschen zu können, wie jüngst die steigenden Zahlen wieder belegten. „An der Gastronomie kann das aktuell also nicht liegen“, schreibt er. Der Kirchheimer fordert, die Erlaubnis für Gastronomen, mit Hygienemaßnahmen, Luftfiltern und der Corona-Warn-App wieder öffnen zu dürfen.

Enteignung ganzer Branchen

Für Thomas Heidkamp fehlt es an der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Er empfindet eine Einschränkung der Grundrechte für nur einen Teil der Wirtschaftsteilnehmer, zudem ohne Vorliegen fundierter Evidenzen, als eine „Zwangsenteignung bestimmter Branchen“. Der Tenor seines Appells an die Bundeskanzelrein lautet deshalb, dies nicht billigend in Kauf zu nehmen, was aber passiere, „wenn Sie nicht schleunigst unsere Branche wieder unter vernünftigen Rahmenbedingungen öffnen“.

Es sei inakzeptabel, dass andere Branchen öffnen dürften, oder Flüge nach Mallorca möglich seien, aber die Gastronomie nicht, sagt Daniel Ohl. Wenn es erlaubt sei, sich auf einer Parkbank nebeneinander zu setzen, müsse das auch zumindest in der Außengastronmie sofort wieder möglich sein, zumal es dort auch ein Hygienekonzept gebe.