Kirchheim

„Wo es mir gefällt, sitzt das Geld lockerer“

Bürgerforum In der Kirchheimer Stadthalle diskutieren Stadtplaner und Denkmalschützer über die richtige Symbiose von Alt und Neu, die es für eine lebendige Innenstadt braucht. Von Andreas Volz

Ein breit aufgestelltes Podium diskutiert vor der Bühne in der Kirchheimer Stadthalle über Perspektiven für die historische Inne
Ein breit aufgestelltes Podium diskutiert vor der Bühne in der Kirchheimer Stadthalle über Perspektiven für die historische Innenstadt. Foto: Markus Brändli

Was macht eine lebenswerte Innenstadt aus? Dieser Frage ist das Kirchheimer Bürgerforum in der Stadthalle nachgegangen - ohne sie klar beantworten zu können. Oberbürgermeis­terin Angelika Matt-Heidecker nannte Stichworte, die außer Segen auch Fluch sein können: das „Parken“ zum Beispiel, das auch bei der „veränderten Mobilität“ mitschwang. „Attraktives Wohnen“ und „kulturelle Vielfalt“ wiederum klingen zunächst ganz großartig. Aber auch hier liegt der eine oder andere Teufel im Detail. So geht das vielfältige kulturelle Angebot fast immer mit einer starken Lärmbelästigung einher.

Trotzdem bezeichnete Angelika Matt-Heidecker die Innenstadt als „ein Juwel“, das erhalten bleiben muss. Dazu gehöre es auch, dass Menschen in der Stadt wohnen. Schwierigkeiten sieht die Oberbürgermeisterin allerdings bei den Altstadt-Gebäuden, die sich nicht so sehr für Menschen eignen, die auf einen Rollator angewiesen sind: „Vor und in den Häusern gibt es oft viele Stufen.“ Das ist auch für manche Kunden zunehmend ein Problem.

Läden sind nämlich ganz wichtig für eine lebendige Innenstadt. Aus Umfragen gehe hervor, dass die meisten Besucher zum Einkaufen in eine Stadt kommen, sagte Dr. Donato Acocella vom Büro für Stadt- und Regionalentwicklung in Lörrach. Sein Anliegen war es, auch gängige Meinungen gegen den Strich zu bürsten: „Früher waren fehlende Parkplätze schuld am Niedergang des Einzelhandels, heute ist es der Online-Handel. Beides ist so richtig wie falsch.“ Vielfach verdränge der Online-Handel den klassischen Versand-Handel, der einst mit dicken Katalogen warb. Wichtig sei es aber, dass sich die Menschen in einer Stadt wohlfühlen: „Wo es mir gefällt, da sitzt mein Geldbeutel lockerer.“ Schöne Häuser seien aber nicht alles, erklärte er am Beispiel Böblingen: „So schön dort alles saniert ist, es gibt eben die Funktion des Marktplatzes nicht mehr. Da ist nur noch tote Hose.“

Unter anderem deshalb verteidigte Kirchheims Chef-Planer Gernot Pohl den Neubau des Waldhorns: „Sehr gerne hätten wir das alte Gebäude erhalten.“ Es sei aber baufällig gewesen.

Professor Dr. Christina Simon-Philipp von der HFT Stuttgart warnte vor „Leerstand, Verwahrlosung, Verödung“ und zeigte für die Symbiose von Alt und Neu „schöne Beispiele für Neubauten in anderen Innenstädten“.

Davon wiederum zeigte sich Lars Weller vom Verschönerungsverein Kirchheim geradezu entsetzt. Er verwies auf Schorndorf, wo ein neues Haus hinter alter Fassade entstanden ist und schlug das auch als gangbaren Weg für Kirchheim vor, denn: „Die Fachwerk­ensembles in Kirchheim sind ein Alleinstellungsmerkmal, das Menschen von weit her anzieht.“

Ensembles sind nicht von Disney

Auf diese Ensemblewirkung bezog sich auch Rainer Laskowski von der Initiative historisches Kirchheim: „Es ist gut, wenn nicht nur die Menschen in der Stadt miteinander reden, sondern auch die Gebäude.“ Er stellte sich voll und ganz hinter die Forderung, wenigs­tens die historischen Fassaden zu erhalten. Überhaupt nicht kann er es nachvollziehen, wenn ein solcher Vorschlag sofort mit dem vorwurfsvollen Hinweis auf „Disneyland“ abgetan wird.

Zu mehr „Gelassenheit“ rät indessen Hauptkonservator Dr. Martin Hahn, im Regierungspräsidium Stuttgart zuständig für die Bau- und Kunstdenkmalpflege: „Es gibt da immer eine Wellenbewegung.“ Diese pendle regelmäßig zwischen „Betonmonstern“ und Fachwerkfreilegung. In jedem Fall aber sei eines zu versuchen: „Möglichst viel Substanz, möglichst viel His­torisches erhalten.“

Dass das immer auch mit hohen Kosten verbunden ist, versteht sich von selbst. Wenn Eigentümer diese Kosten dann an ihre Pächter weitergeben, tragen sie allerdings zum „Veröden“ der Innenstädte bei. Am besten sollten sich also Eigentümer und Pächter einig werden und gemeinsam dasselbe Konzept verfolgen, forderte Donato Acocella. Öfters gab es auch den Hinweis auf staatliche Förderung.

Das Publikum konnte sich schriftlich einbringen - analog und digital. Vermisst wird demzufolge ein Discounter in der Innenstadt. Nicht geschätzt werden die vielen Wettbüros. Dagegen wünschen sich die Zuhörer neue Konzepte für den Post- und den Marktplatz.

Das Wesen einer lebendigen Innenstadt beschrieb Jennifer Wernhardt von der Jugendvertretung „Be part“: „Wer nach Kirchheim kommt, soll das Gefühl haben, nach Hause zu kommen.“

Das ist leichter gesagt als getan, wie der Abend in der Stadthalle aufgezeigt hat. Denn auch über die Gestaltung des eigenen Zuhause gibt es für gewöhnlich höchst unterschiedliche Meinungen.

Das neue Waldhorn am Marktplatz war einer der Diskussionspunkte zum Thema „lebendige Innenstadt“.Foto: Carsten Riedl
Das neue Waldhorn am Marktplatz war einer der Diskussionspunkte zum Thema „lebendige Innenstadt“. Foto: Carsten Riedl
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