Kirchheim

Wohnraum auf der Wiese

Anschlussunterbringung Die Stadt Kirchheim plant, ein Drittel der Klosterwiese zu bebauen. Die neu gegründete Bürgerinitiative BiKK will den historischen Grund erhalten und hat eine Petition eingereicht. Von Iris Häfner

Nicht-Kirchheimern wird die Klosterwiese weder etwas sagen, noch werden sie möglicherweise die Diskussion verstehen. Aber irgendwie geht es bei dem jahrelangen Ringen um den Erhalt der eher lieblos gepflegten öffentlichen Wiese um ein Seelenstück der Stadt. Beim Bau der Schweinemarkttiefgarage im Jahr 2003 hätte sie für Parkplätze eingeschottert werden sollen, die Anwohner des Klosterviertels kämpften mit Erfolg für den Erhalt der Wiese.

Es kann trefflich bei der aktuellen Diskussion darüber gestritten werden, wie man mit diesem vergleichsweise kleinen Stück Land umgeht: Das kann pragmatisch sein, weil wegen der Flüchtlingskrise und der starken Wirtschaftskraft in der Region dringend Wohnraum gebraucht wird. Oder man sieht darin die letzte unbebaute grüne Oase in unmittelbarer Nähe des Stadtkerns, mit außerordentlichem historischen Kontext. Der Name sagt es schon: Die Wiese gehörte einst dem Dominikanerinnenkloster - heute Finanzamt -, um das sich Sagen und Geschichten ranken.

Die Bürgerinitiative „Klosterwiese Kirchheim - rettet die Klosterwiese“, kurz BiKK, setzt sich für den Erhalt eben jener Grünfläche ohne weitere Bebauung ein und hat eine Petition eingereicht. Gründungsversammlung war am 11. Mai. Knapp 100 Besucher waren gekommen, und über 70 Kirchheimer haben sich an diesem Abend der Initiative angeschlossen - ohne dass dafür großartig die Werbetrommel gerührt wurde. „Die Klosterwiese mit über 10 000 Quadratmeter Fläche ist das Herzstück der Kirchheimer Park- und Grünflächen und als Gemeinschaftseigentum aller Kirchheimer ein schützenswertes Kulturgut“, sagt Dr. Andreas Majocco. Er und seine Mitstreiter stehen der geplanten Bebauung durch die Stadt kritisch gegenüber. Im unteren Teil, hin zur Schlierbacher Straße, sollen ähnlich wie im Hafenkäs drei Gebäude im Zuge der Anschlussunterbringung von Flüchtlingen und anderen Wohnungssuchenden gebaut werden.

Doch die Sorge ist groß, dass damit nur der Anfang zur kompletten Bebauung der Klosterwiese eingeläutet wird, in Salamitaktik Gebäude um Gebäude errichtet wird, bis quasi kein Grashalm mehr steht. Erste Anzeichen für diese Theorie sieht die BiKK bereits. „Ursprünglich hieß es, an der ersten Schranke - etwa auf Höhe der Roseggerstraße - endet die Bebauung. Diese Linie ist jetzt schon um 13 Meter überschritten“, begründet Andreas Majocco die Befürchtungen. Die Fläche würde etwa 3 200 Quadratmeter betragen und damit die Klosterwiese um ein Drittel verkleinern. „So eine Fläche wie die Klosterwiese gibt es in Kirchheim kein zweites Mal. Ich weiß nicht, was die Stadt reitet, dort Wohnungen bauen zu wollen“, fragt sich nicht nur An-dreas Majocco.

Bis Ende des Jahres sollen zwei Gebäude mit zwölf Wohneinheiten plus einem Verwaltungsgebäude sowie 13 Parkplätze erstellt werden. Die BiKK rechnet vor: Mit dieser Bebauung werden pro Gebäude bei Einzelbelegung 19 Bewohner, bei unwahrscheinlicher kompletter Familienbelegung 34 Bewohner untergebracht. „Trotz des üppigen Flächenverbrauchs ist es fraglich, ob bei der geplanten Bauanordnung die vom Gemeinderat bewilligte Bebauung mit vier Häusern in diesen Grenzen ohne Weiteres umzusetzen ist - und ob diese dann gestalterisch dem erwarteten Anspruch genügen würde“, lautet ein weiterer Kritikpunkt.

Aus Sicht der BiKK hat es die Stadt bezüglich der Anschlussunterbringung unterlassen, im kommunalen Einzugsgebiet ihr Vorkaufsrecht für private Immobilien zu nutzen. „Zum Beispiel beim Areal der Firma Kiki Mondo in der Dettinger Straße, was zweifelsohne für den geplanten Zweck geeignet ist“, erläutert Majocco. Er nennt unter anderem die Standorte Tannenberg- oder Humboldt-straße. „Es gibt schon noch Raum in der Stadt. Aber die Klosterwiese ist bequem und billig, nicht zuletzt auch bezüglich der Erschließung“, sagt er.

Die neu gegründete Bürger- initiative vertritt klare Ansichten. Dazu zählt der Erhalt der gesamten Klosterwiese ohne Bebauung als beliebter Freizeitraum für alle Kirchheimer Bewohner - als letzte freizugängliche, naturnahe Grünfläche mit freiem Uferzugang zur Lindach. Dazu zählt auch die historische Bedeutung als städtebauliches Beispiel für die mittelalterliche Versorgungsstruktur und als Teil einer Mustersiedlung der 1920er-Jahre mit Stil prägenden Häusern.

Info Weitere Informationen gibt es bei Facebook unter dem Link bit.ly/Klosterwieser oder bei Facebook BiKK-Rettet die Klosterwiese-. Der BiKK können Fragen gestellt und Anregungen gegeben werden.

Noch wird auf der Klosterwiese nur gespielt - und nicht gewohnt.
Noch wird auf der Klosterwiese nur gespielt - und nicht gewohnt. Foto: privat

Kurzer geschichtlicher Abriss der Klosterwiese

Die Geschichte der Klosterwiese beginnt im Jahre 1266 mit dem Erwerb einer großen Ackerfläche durch das Dominikanerinnenkloster in Kirchheim.

Nach Auflösung des Klosters nach der Reformation ging dieser Besitz im Jahre 1563 auf den Herzog von Württemberg und im Jahre 1819 auf die Stadt Kirchheim über.

Im Jahre 1912 erstellte der Stadtplaner Rudolf Linkenheil einen Bebauungsplan des Klosterviertels mit Erhalt der noch heute sichtbaren Grünfläche. Die Klosterwiese sollte bereits damals mit einer Baumreihe und einer Hecke gegen die Lindach frei gehalten werden.

Im Verlauf der Jahrzehnte kam es zu unterschiedlichen Verwendungen. Die Wiese blieb aber als über 100-jähriges Erbe für alle Kirchheimer bis heute erhalten und frei zugänglich.

Trotz Zunahme der Einwohnerzahl von 8 800 im Jahr 1905 bis heute mit annähernd 40 000 gelang es den früheren Stadtverwaltungen und Gemeinderäten den, enormen Zuwachs unter Erhalt der Klosterwiese erfolgreich zu gestalten. Über Jahre fand dort auch das Reitturnier des Kirchheimer Reit- und Fahrvereins statt.

Die Bürgerinitiative BiKK setzt sich für den Erhalt des städtebaulichen, historischen und sozialen Juwels Klosterwiese ein und fordert ein Ende der Bebauungsabsichten der Stadtverwaltung. „Die Bebauung der Klosterwiese hat nur für wenige einen kurzfristigen, ihr Erhalt aber für alle einen langfristigen Vorteil“, argumentieren die Initiatoren. ih

Anzeige