Kirchheim

Wohnungen für die Glücksbringer

Artenschutz Lindorfs Ortsvorsteher Stefan Würtele hat ein Herz für Schwalben: Am Rathaus hat er mehrere Doppelnester und wurde dafür vom Nabu ausgezeichnet. Von Iris Häfner

Voller Einsatz: Für die Schwalben ist Ortsvorsteher Stefan Würtele keine Hauswand zu hoch, wie hier am Lindorfer Rathaus.  Fotos
Voller Einsatz: Für die Schwalben ist Ortsvorsteher Stefan Würtele keine Hauswand zu hoch, wie hier am Lindorfer Rathaus. Fotos: Carsten Riedl/Beate Seelmann-Eggebert

Stefan Würtele, Ortsvorsteher in Lindorf, ist ein Mann der Tat. Flugs schnappt er sich die stabile Holzleiter aus der Scheune, die zum historischen Rathaus gehört, und steigt Stufe für Stufe mit zwei Schwalbennestern bewaffnet in luftige Höhen. Die an Brettern befestigten Doppelnester passen perfekt zwischen Dachbalken und Fensterrahmen - und warten auf die demnächst eintreffenden Gäste aus Afrika.

„Die Rauchschwalben, die in Ställen brüten, kommen Anfang April aus ihren Überwinterungsgebieten, die Mehlschwalben in der Regel Mitte April. Das sind die, deren Nester an den Hauswänden zu sehen sind“, erklärt Silvia Malter von der Nabu-Gruppe Teck. Stefan Würtele hat also Mehlschwalben neue Wohnungen besorgt und wurde dafür vom Kirchheimer Nabu ausgezeichnet. Seit geraumer Zeit ziert deshalb die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ die Wand neben dem Rathauseingang.

Der Naturschutzverband Nabu hat die Aktion auf Bundesebene ins Leben gerufen, weil viele alte (Bauern-)Häuser Neubauten weichen müssen - und mit ihnen verschwinden dann auch die Nester. Neue werden in den seltensten Fällen angebracht, werden die Flugkünstler doch neuerdings als Fassadenbeschmutzer in die Schmuddelecke gestellt. Früher war das komplett anders. Die Vögel galten als Glücksbringer, schützten das Haus vor Feuer und Blitz und bewahrten das Vieh im Stall vor Krankheiten. „Diese Bedeutung ist inzwischen allerdings verloren gegangen“, bedauert Stefan Würtele, der jedes Jahr aufs Neue gespannt auf die erste Schwalbe in Lindorf wartet. „Früher war man richtig stolz auf seine Schwalben am Haus oder an der Scheune“, sagt der Ortsvorsteher und bekennende Schwalbenfan.

Der Insektenschwund ist nur eine der Ursachen für den Rückgang der Population in Deutschland, die akute Wohnungsnot die andere. Der Verlust an Brutmöglichkeiten ist ein großer Faktor, sind sich die Fachleute einig. „Schwalben sind streng geschützt. Das Zerstören ihrer Brutstätten steht unter Strafe“, stellt Silvia Malter von der Nabu-Gruppe Teck klar. Wegen Gebäudesanierungen verschwinden in Lindorf wie anderswo auch immer mehr Nester.

Deshalb hält der Ortsvorsteher in seinem Dorf mit Silvia Malter nach geeigneten Nestplätzen Ausschau. Weil er nahezu jeden im alten Flecken kennt, spricht er schon mal spontan einen Hausbesitzer an, ob er nicht noch ein paar Nester überm Scheunentor anbringen könnte, was der sofort bejaht. Die Flugkünstler sind mittlerweile auf die künstlichen Nisthilfen angewiesen, denn feuchter Lehm ist in einer zubetonierten Kulturlandschaft Mangelware. Werden die Tiere doch einmal fündig, darf die Fundstelle nicht zu weit von der „Baustelle“ entfernt sein, denn der Lehm trocknet beim Lufttransport aus und klebt dann nicht mehr.

Der freie Einflug ist wichtig

Schwalben haben nichts gegen die Nähe zu den Menschen, im Gegenteil. „Als Kulturfolger fühlen sich die Vögel in einer von Menschen geprägten Umgebung grundsätzlich wohl. Der Trubel auf dem Dorfplatz macht ihnen deshalb nichts aus“, sagt Silvia Malter. Weil Schwalben aber vor allem die Gesellschaft ihrer Artgenossen lieben, sollten neue Nester möglichst dort angebracht werden, wo es schon bewohnte gibt. Das heißt: weitere an einem Gebäude oder im gleichen Straßenzug, denn schon Querstraßen werden von den Vögeln meist ignoriert. Wichtig ist auch ein freier Einflug, es sollte deshalb kein Baum oder Strauch vor den Nestern stehen.

Auch ausufernd wuchernde Kletterpflanzen können ein Hindernis sein, denn die Schwalben fliegen ihre Brut parabelförmig an. Außerdem ist zu beachten, dass die Nester direkt unter einem Dachvorsprung angebracht werden.

Wer keine Hinterlassenschaften der Tiere auf dem Boden haben mag, der kann Kotbretter anbringen. Die sollten allerdings wegen der Raubvögel aber mindestens einen Abstand von 50 Zentimetern zu den Nestern haben. Sonst sitzen Falke und Co. auf den Brettern und „pflücken“ die Jungtiere aus ihren Nestern, sobald diese kurz bevor sie flügge werden, die Köpfe aus den Schalen strecken.

 

Info Menschen, die sich für Schwalben engagieren und Kunstnester an ihren Gebäuden anbringen, werden vom Nabu mit der Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ ausgezeichnet. Bewerben können sich Hausbesitzer unter www.NABU.de/schwalben oder direkt bei der Nabu-Gruppe Teck, E-Mail info@nabu-kirchheim-teck.de.

Schwalbennester am Rathaus Lindorf, Nabu-Auszeichnung
Schwalbennester am Rathaus Lindorf, Nabu-Auszeichnung

Ein Traumhaus für Schwalben

Ein gemeinsamer Traum von Stefan Würtele und Silvia Malter ist ein Schwalbenhaus. Der Lindorfer Ortsvorsteher würde es am liebsten in der Ortsmitte aufstellen, doch für die Schwalbenexpertin Christine Burgey vom Nabu Nürtingen ist die kleine Wiese neben dem Rathaus weitaus geeigneter.

Schwalbenhäuser sind künstliche Kolonien für Mehlschwalben, die auf einem etwa vier bis sechs Meter hohen Mast thronen. Sie können quadratisch gebaut sein, aber auch sechs- beziehungsweise achteckig. Manche bestehen aus mehreren Etagen und beherbergen über 50 Nester - in denen sich mitunter auch Fledermäuse häuslich eingerichtet haben.

Die Kosten für das Wunsch-Schwalbenhaus von Stefan Würtele belaufen sich auf etwa 3 500 Euro. Er rührt schon eifrig die Werbetrommel, damit er es mit Spenden finanzieren kann. ih

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