Kirchheim

Würtele will glückliche Schweine

Der Agrar-Ingenieur feilt mit seinem Team an artgerechter und biologischer Tierhaltung

Eine Drei-Zimmer-Wohnung für Schweine? – Um Mastschweinen ihr kurzes Leben möglichst erträglich zu gestalten, tüfteln Agrar-Ingenieur Stefan Würtele aus Lindorf und sein Team an vielen Beschäftigungs-Ideen und setzen dabei auch auf den biologischen Aspekt.

Keine Berührungsängste: Die Ferkel genießen Streicheleinheiten. Trotz großem Platzangebot kuscheln sie am liebsten eng aneinande

Keine Berührungsängste: Die Ferkel genießen Streicheleinheiten. Trotz großem Platzangebot kuscheln sie am liebsten eng aneinander. Foto: Thomas Krytzner

Kirchheim. Wer hat nicht schon Ausschau nach günstigem Fleisch gehalten? Da macht man sich nicht unbedingt Gedanken, wie die Schweine gelebt haben. Stefan Würtele vom Lehr- und Versuchsbetrieb Tachenhausen zwischen Lindorf und Oberboihingen weiß, wie es hinter den Kulissen zugeht. Er kennt viele Schlagworte, die den Endverbraucher im Zusammenhang mit der Mastschweinehaltung beschäftigen. Viele fragen sich, warum der typische Ringelschwanz kupiert wird. „Den Schweinen ist es langweilig“, erklärt Stefan Würtele, der auch noch Ortsvorsteher von Lindorf ist: „Wenn da vor der Schweinenase ein Ringelschwanz rumliegt und sich auch noch bewegt, fängt das Schwein an, den Schwanz anzuknabbern, irgendwann fließt Blut, das dem Schwein schmeckt und es frisst den ganzen Schwanz.“ Ist der Schwanz abgefressen, drohen Entzündungen bis ins Rückenmark.

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Deshalb, erklärt Stefan Würtele, wird meist der Schwanz abgeschnitten oder man greift zur optimalen Lösung und beschäftigt die Schweine. So hätten sein Team und er verschiedene Versuche der Essens-Verlängerung umgesetzt. Als Beispiel nennt Stefan Würtele die Futterrolle, bei der das Schwein gemäß seinen Instinkten mit der Schnauze an der Rolle drehen muss, damit Futter in den Trog fällt. Dass Schweine klug sind ist bekannt, man kann ihnen sogar beibringen, dass ihr Lebensraum dreigeteilt ist wie eine Wohnung: Im gedeckten Schlafzimmer liegt eine Gummimatte am Boden, der Fress- und Aufenthaltsraum ist befestigt und vorne gibt es den Sanitärbereich mit Spaltenboden. Die Herausforderung sei, erklärt Stefan Würtele, den Ferkeln von Anfang an beizubringen, wo gekotet wird.

Ferkel, sogenannte Mastschweine, werden bloß sechs Monate alt, bevor es mit einem Lebendgewicht von rund 100 Kilogramm zur Schlachtung geht. Eine Muttersau bringt es immerhin auf sechs bis acht Jahre Lebenszeit und auf ein Gewicht von 250 Kilo. „Genau diese Zeit tier- und artgerecht zu gestalten, ist mein großes Anliegen“, ergänzt Stefan Würtele, „und aus diesem Grund ist zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika durchaus legitim.“

Der Einsatz von Medikamenten in Mastbetrieben ist umstritten. Allerdings muss man hier zwischen vorsorglicher Medikation und der heilenden Abgabe von Antibiotika unterscheiden. Auch Schweine können krank werden. Das heißt, sie kriegen Husten oder haben eine Gelenkentzündung. Da kommt der Tierarzt und legt die Medikation fest. Wenn man hier gänzlich auf Antibiotika verzichte, erklärt Würtele, würde das Tier 14  statt sieben Tage Schmerzen erleiden. Allerdings werde peinlich genau drauf geachtet, dass zum Zeitpunkt der Schlachtung keine Antibiotika mehr im Körper sind. Zum Thema Gestank weiß Stefan Würtele einen einfachen Rat: Urin und Kot sollten getrennt werden, denn im Urin sind Bakterien, die sich ihre Energie für die Umsetzung des Urins in Ammoniak aus dem Kot holen. Trennt man beides, kann man den unangenehmen Geruch verhindern.

Die Landwirte hätten ein schweres Los mit der Schweinezucht. Der Preisdruck durch die Schlachtbetriebe – die wiederum Druck vom Einzelhandel bekommen – mache die Mastzucht kaputt. Von diesen Preisschwankungen bekommt der Endverbraucher zwar kaum etwas mit, aber oft legen die Landwirte bei der Ferkelzucht drauf.

Dies bestätigt Landwirt Jochen Mack vom Aussiedlerhof in Wolfschlugen. „Bisher schreibe ich keine roten Zahlen“, erklärt er, „aber meinen Arbeitslohn darf ich nicht rechnen, sonst ist nichts mehr verdient.“ Jochen Mack liefert seine Ferkel an Metzgereien in Böblingen. So, erzählt Mack, sei der Transportweg für die Schweine nur eine halbe Stunde und dies passe zu seiner kontrollierten Mast.