Kirchheim

Zankapfel Homeoffice:  
Fluch oder Segen?

Streitgespräch Seit Corona wird viel mehr Arbeit als früher von zu Hause aus erledigt. Studien belegen, dass Arbeitnehmer dies unterschiedlich bewerten. Auch in der Teckboten-Redaktion wird heftig diskutiert. Von Irene Strifler

Mein Büro ist, wo mein Laptop ist. – So denken vor allem junge Start-upler, die gerne mal in der Jogginghose am Esstisch arbeiten. Foto: Irene Strifler

In vielen Berufen hätten Arbeitnehmer gern die Wahl, ins Homeoffice zu gehen. Dort, wo es möglich ist, boomt diese Arbeitsvariante. Laut einer Langzeitstudie der Universität Konstanz schätzen Arbeitnehmer am Homeoffice vor allem, dass der tägliche Pendelweg wegfällt. Die meisten wünschen sich weiterhin zwei bis drei Tage pro Woche Homeoffice. Was 62 Prozent der Befragten am regulären Arbeitsplatz lieben, ist der persönliche Austausch mit Kollegen. Der wird vor allem in kreativen Berufen vermisst.

Pro Homeoffice ist Teckboten-Redakteur Peter Eidemüller:

 

Plan A, Plan B, Plan C: Wer drei Kinder hat, weiß, wie man(n) sich organisieren muss, damit der Alltag läuft, sowohl zu Hause als auch auf Arbeit. Wenn die zwei größten Lebensschlachtfelder dank General Corona auch noch an der selben Front liegen, ist jeder Krieg schnell siegreich beendet. Und das ohne Kollateralschäden, im Gegenteil: Im Homeoffice gibt es auf beiden Seiten nur Gewinner – hier der Nachwuchs, der flexibel beaufsichtigt werden kann, wenn es die (Arbeits-)Zeit erlaubt. Da der Brötchengeber, der einen ob des Heimarbeitmehrwerts top motivierten Mitarbeiter am externen Schreibtisch weiß, der sich für die Vorzüge des Jobmodells allzu gerne durchgängig erreichbar macht: Laptop an, Outlook offen, Teams aktiv und das vom Büro umgeleitete Handy mit allen Social-Media-Apps geladen – so entgeht auch fern des

Nicht Home, sondern Office überwiegt

Redaktionsalltags rund um die Uhr keine Information dem offenen Ohr. Selbst dann, wenn das Auge mal auf den Kochtopf, die Hausaufgabe oder die Waschmaschine schauen muss. Dass dabei trotzdem nicht Home, sondern Office überwiegt, liegt an den Synergien, die das Arbeiten von zu Hause mit sich bringen: Abläufe werden gestrafft, Gespräche effizienter geführt und Pläne konsequenter umgesetzt. Mal ganz abgesehen davon, dass der Kaffee aus der heimischen Maschine viel besser schmeckt. Und die lieben Kollegen sind einem doch auch gleich noch mal lieber, wenn man sie auf Abstand halten kann – immerhin macht man Homeoffice momentan ja nicht aus Jux und Dollerei, sondern, um sich und andere aus der Schusslinie zu nehmen. Denn dieser Krieg dürfte noch eine Weile dauern. Immerhin: Man kann ihn auch in Jogginghose gewinnen.

 

Contra Homeoffice ist Teckboten-Redakteur Thomas Zapp:

 

Der Big Ben läutet gefühlt zum zehnten Mal. Das darf doch nicht wahr sein, die Kinder sind doch gerade erst hinten raus aus dem Haus, nur um zwei Minuten später wieder an der Haustür zu klingeln (Melodie „Big Ben“). Die Gründe reichen von Durst und Hunger bis zu diversen Verletzungen. Und wie die Küche wieder aussieht. Ob ich wenigstens die dreckigen Teller vom Mittag in die Maschine räume? Willkommen im Corona-Homeoffice. Mir war es tatsächlich mal erstrebenswert erschienen, von zu Hause zu arbeiten. Die Vorteile schienen auf der Hand zu liegen: Kein Stress mit der Fahrt von oder zur Arbeitsstelle, mittags am heimischen Herd etwas zubereiten und bei Bedarf flexibel noch etwas erledigen.

Keinerlei Austausch mit Kollegen


Aber die Realität fühlt sich nicht so gut an wie gedacht. Zum einen fehlt mir der zufällige Austausch mit Kollegen („Ach, was ich dich noch fragen wollte“), der am Telefon oder in der Team-Konferenz nicht ausreicht. Vieles fällt mir dann nämlich nicht ein. Außerdem gehöre ich anscheinend zu der Spezies, die ihren Arbeitsplatz nach Beendigung der Arbeit gerne abschließt. Sprich: Zu Hause ist zu Hause, da muss ich mich nicht zu jeder Zeit an den Rechner setzen, sondern kann guten Gewissens ein Buch in die Hand nehmen, ohne daran denken zu müssen, „gleich“ noch „schnell“ etwas fertig zu machen. Das neudeutsche „Abgrenzen“ ist eine unabdingbare Eigenschaft für ein erfolgreiches und zufriedenstellendes Homeoffice. Ich beherrsche es leider nicht gut genug.
Wahrscheinlich wird das zeitweise Homeoffice so schnell nicht verschwinden, dafür wird Corona schon sorgen. Also sind andere Lösungen gefragt. Meine erste Maßnahme: Ich werde die Melodie der Klingel verändern.

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