Kirchheim

Zu Unrecht vergessen

Literatur Barbara Haiart und Barbara Nagel erinnern an die Esslinger Schriftstellerin Anna Schieber.

Kirchheim. Anna Schieber - das klingt bodenständig, schwäbisch und bieder. Dazu passt: in Esslingen am Landolins­platz aufgewachsen. Immerhin gibt es in Esslingen und Degerloch einen Anna-Schieber-Weg. Sie sollen an die Schriftstellerin erinnern. Ja, sie war eine Schriftstellerin, sogar eine europaweit gelesene Bestsellerautorin mit ihren über sechzig Büchern. Nach 1945 ist sie noch in Lesebuchtexten aufgetaucht. Heute nimmt das literarische Leben keine Notiz mehr von ihr. Da helfen auch keine Biografien. Selbst in Hermann Bausingers Standardwerk „Eine schwäbische Literaturgeschichte“ taucht sie nicht auf.

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Damit konnten sich zwei Mitglieder des Literaturbeirats nicht abfinden und veranstalteten eine sonntägliche Matinee zum 150. Geburtstag der Autorin. Barbara Haiart verfasste und bot den Sachtext, Barbara Nagel las Textstellen vor, vor allem aus Schiebers Autobiografien. Dass der Schulsaal des Max-Eyth-Hauses voll besetzt war, zeigte, dass Interesse an der Autorin vorhanden ist. Ganz besonders unter einigen Nachfahren der Schieber, die angereist waren.

Anna Schieber kam 1867 in Esslingen zur Welt, als viertes Kind eines Küfermeisters und einer Lehrerstochter. Sechs ihrer Geschwister sind vor oder nach Annas Geburt entweder tot zur Welt gekommen oder im Säuglingsalter gestorben. Schon bei diesen Informationen spürt man, dass man bei der Beschäftigung mit Anna Schieber in eine andere Welt eintritt. Der Tod war ständiger Gast im Hause Schieber. Dabei war die Autorin in eine wohlhabende Gesellschaftsschicht hineingeboren worden. Sie konnte viel lesen und viele Geschichten hören.

Erstaunlich emanzipiert

Dass sie nicht, wie damals üblich, für eine Ausbildung als Hausfrau geeignet war, zeigte ihre Abneigung gegen die „Strickschule“. Weiterführende Schulen waren den Brüdern vorbehalten. Sie wurden Pfarrer, Lehrer oder Kaufleute. Die junge Anna half in der Familie mit und arbeitete dann in einem fremden Haushalt. Nach dem Tod der Eltern hatte Anna Schieber das Glück, eine Anstellung im Kunsthaus Schaller in Stuttgart zu bekommen. Das schuf einen Weg zu Kunst und Literatur. 1897 schreibt sie ihre ersten Geschichten, Geschichten für Kinder, zu denen sie den engsten Bezug hatte, zuerst unter einem Pseudonym, dann unter ihrem richtigen Namen. In manchem Schrank findet sich auch heute noch eines der viel verbreiteten Bändchen aus der Reihe „Sonne und Regen im Kinderland“. Sie hatte ihre Berufung als Schriftstellerin entdeckt, schrieb Erzählungen und Gedichte in betulichem Realismus für Erwachsene und 1906 ihren ersten großen Roman „Alle guten Geister“, der ein großer Erfolg wurde. Anna Schieber war berühmt.

In den Romanen hat sie oft ihr privates Schicksal verarbeitet. Eine ihrer Beziehungen scheiterte an ihrer Tuberkulose, eine andere, weil der geliebte Kandidat kurz nach der Verlobung starb. Ihr Wunsch, Ehefrau und Mutter zu werden, ging nie in Erfüllung. Eine dauerhafte Lebensgemeinschaft führte sie schließlich mit Marie Cauer, ursprünglich Oberin eines Sanatoriums, bis zum Ende ihres Lebens in Tübingen, wo sie begraben liegt.

Barbara Haiart und Barbara Nagel haben nachdrücklich bewiesen, dass sich eine Beschäftigung mit Anna Schieber lohnt, obwohl sie unbeeinflusst blieb von den damals modernen Strömungen - Naturalismus und Expressionismus. Sie erinnerten an eine Frau aus der Region, die einmal aus gutem Grund bedeutend war, indem sie viele Menschen ihrer Generation faszinierte. Sie war erstaunlich emanzipiert. Ulrich Staehle