Kirchheim

„Zügellosigkeit der Jugend“ als Gefahr

Kriegsende Die Kirchen fürchten, in der neuen Republik in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Unabhängige Sozialdemokraten fordern die Sozialisierung der Großbetriebe. Die Stadt gibt Notgeld aus. Von Andreas Volz

Ende 1918 versammelten sich evangelische Frauen im Alten Gemeindehaus, um über Kirche und Staat zu diskutieren.Foto: Carsten Rie
Ende 1918 versammelten sich evangelische Frauen im Alten Gemeindehaus, um über Kirche und Staat zu diskutieren.Foto: Carsten Riedl

In der Revolution nach dem Kriegsende 1918 melden sich die Kirchen lange nicht zu Wort - zumindest nicht im Teckboten. Erst in der Weihnachtswoche kommen Diskussionen auf. Worum geht es? Die Wahlen zu den verfassunggebenden Versammlungen rücken näher: Für Sonntag, 12. Januar 1919, ist die Wahl zur Landesversammlung angesetzt, für eine Woche später die zur Nationalversammlung. Wichtige Weichenstellungen stehen an, wie der künftige Staat aussehen soll. Ein Schreckgespenst macht deshalb in kirchlichen Kreisen die Runde: die „in Aussicht genommene Trennung von Staat und Kirche“, wie es in einer kurzen Notiz im Teckboten vom Freitag, 27. Dezember, zu lesen ist.

„Zukunftsfragen der evangelischen Landeskirche“ sollen deshalb noch am selben Tag auf öffentlichen Versammlungen „mit Aussprache“ geklärt werden. Zwei Versammlungen sind es, weil Frauen und Männer getrennt eingeladen werden: die Frauen auf „½  3 Uhr“ ins Vereinshaus (das heutige Alte Gemeindehaus) und die Männer auf 5 Uhr in den Goldenen Adler. Die „Mitglieder der evangelischen Kirche von Stadt und Bezirk“ diskutieren also darüber, wie sich die strikte Trennung von Kirche und Staat verhindern lässt, halten dabei aber ebenso strikt die Geschlechtertrennung ein.

Auch die Katholiken Kirchheims lehnen eine Trennung von Kirche und Staat entschieden ab. Das verkünden „Landtagsabgeordneter Feil“ aus Göppingen und „Stadtpfarrer Dr. Eisele“ heute vor hundert Jahren auf einer Versammlung der Zentrumspartei im Kirchheimer Tyroler. Am 27. Dezember 1918 berichtet der Teckbote über diese Veranstaltung und über die Befürchtung, die Jugend könne verrohen. So heißt es unter anderem: „Ebenso erklärt sich das Zentrum gegen die Entfernung des Religionsunterrichts aus der Schule, wie es in Berlin und Hamburg bereits geschehen ist. Unser Volk soll ein christliches Volk bleiben!“

Weiter geht es mit der Bemerkung: „Staat und Kirche gehören zusammen wie Leib und Seele.“ Danach wird Goethe als „der größte Deutsche“ angeführt, der Religion als den Kern aller Kultur bezeichnet habe - ohne dass ein vergleichbares Zitat belegt wird. Viel wichtiger ist wohl auch die Frage im Anschluss: „Ist das noch möglich, wenn die Kirche auf die Stufe eines gewöhnlichen, privaten Vereins herabversetzt würde?“

Das scheint denn auch des Pudels Kern zu sein: die Angst vor dem Bedeutungsverlust. Auch eine „Bürgerpartei“, die sich in Stuttgart neu gegründet hat und die „in allernächster Zeit auch in Kirchheim entsprechende Wahlversammlungen“ abhalten will, setzt sich für die Kirche ein, wie dem Teckboten von Heiligabend 1918 zu entnehmen ist: „Um der Gefahr einer Verwilderung und der Zügellosigkeit der Jugend zu begegnen, erachtet [die Bürgerpartei] eine sittlich-religiöse Erziehung und Unterweisung der Schüler im Rahmen der gesetzlich festgelegten Schulfächer als unabweisbares und unersetzbares Erfordernis.“

Einerseits setzt sich die Partei dafür ein, „jede andere politische Anschauung zu achten“ und jedem Stand und Beruf „seine freie Entfaltung“ zu ermöglichen. Andererseits aber fordert sie für die Kirche „eine gesetzlich gewährleistete ungehinderte freie Entwicklung und den seitherigen Schutz ihrer religiösen Uebungen unter staatlicher Zubilligung derjenigen Mittel, auf die sie in Rücksicht der historischen Entwicklung von Staat und Kirche ein unbedingtes und unbestreitbares Recht hat“.

Ganz andere Forderungen erhebt die USPD, die am 22. Dezember nur drei Stunden nach der Zentrumspartei im Tyroler getagt hat: Ursachen des Kriegs waren aus ihrer Sicht „die ganze privatkapitalistische Produktionsweise und die dadurch gesteigerte Ueberproduktion sowie die fortgesetzten wahnsinnigen Rüstungen zu Wasser und zu Lande“. Erstes Ziel sei deshalb „die Sozialisierung der ganzen privatkapitalistischen Großbetriebe“. An den Wahlen wollen sich die Unabhängigen Sozialdemokraten „selbstverständlich“ beteiligen. Aber sie schwächen die demokratische Idee bereits, wenn sie schreiben, dass sie sich „von einer Nationalversammlung wie von einer Landesversammlung, die durch bürgerliche Elemente zersetzt sein werden, nichts versprechen“.

Kirchheim druckt eigenes Geld

Die Stadt Kirchheim verspricht ihren Bürgern dafür am selben Tag - am 27. Dezember 1918 - im Teckboten, „einen in letzter Zeit immer mehr fühlbar gewordenen Mangel an Kleingeld“ beseitigen zu helfen: Auf Anregung der Reichsbank gibt sie „städtisches Notgeld“ im Wert von einer Million Mark aus. Die Fünf-, Zehn- und 20-Mark-Scheine sind schon gedruckt. Ihre Vorderseite „enthält die Ansicht des Rathauses, die Rückseite ein Bild der Teck, das Stadtwappen und die Nummer“. Zu unterscheiden sind die Geldscheine nur am Wert sowie „in der Größe [...] und in der Farbe des Ueberdrucks“. Gültig ist die Kirchheimer Mark vorerst bis 1. Februar 1919. Aber jegliches Vertrauen in die kurzlebige Währung scheint gerechtfertigt, denn „die Annahme des Geldes ist bei allen Staatskassen zugesichert“.

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