Kirchheim

Zur ewigen Liebe gehört außer der Hand auch das Herz

Tagebuch Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart befindet sich ein außergewöhnliches Dokument von Gräfin Claudine.

Archivdirektorin Nicole Bickhoff gewährt Einblicke in Claudines Tagebuch.Foto: Andreas Volz
Archivdirektorin Nicole Bickhoff gewährt Einblicke in Claudines Tagebuch. Foto: Andreas Volz

Stuttgart. Die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg wollen ihren Neuerwerb, das Porträt der Gräfin Claudine Rhédey von Kis-Rhéde, ab September im Kirchheimer Schloss präsentieren. Trotzdem fand die erste Vorstellung im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart statt - aus einem einfachen Grund: Dort befindet sich das Württembergische Hausarchiv.

Ironie der Geschichte, oder auch der Archivare: Claudine, die nicht gut genug war für eine standesgemäße Einheirat ins Haus Württemberg, ist heute im Hausarchiv mit einem besonderen Objekt vertreten. Von Mai 1833 bis November 1839 hat sie ein Tagebuch geführt, das später über ihre Tochter Amalie Josephine Henriette von Hügel ins Archiv kam.

Im Tagebuch schildert sie ihre Liebe zu „A.“ - zu Alexander von Württemberg. Kennengelernt hatte sie ihn schon vor Beginn des Tagebuchs. Auch ihr Porträt war da bereits entstanden, vermutlich zu ihrer Einführung in die Wiener Gesellschaft im Alter von 18 Jahren. Claudine war wegen ihrer Schönheit eine begehrte Heiratspartnerin in Wien, in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie, zu der auch ihre transsilvanische Heimat zählte. Alexander wiederum war ab 1830 in österreichischen Diensten, seit 1833 als Oberst.

Über die Zeit vor der Bekanntschaft mit Alexander schreibt Claudine rückblickend: „Es wurde einige Male ernstlich um mich angehalten - ich konnte mich aber nicht entschließen - die Hand ohne Herz zu geben.“ Vom ersten Treffen am 30. April 1832 berichtet sie in der Rückschau: „da ich mich meinem Pferd näherte, erblickte ich - einen interessanten Mann - es war A. - es war Zufall - doch eben dieser Augenblick hat für meine Zukunft entschieden“.

Dr. Nicole Bickhoff, die Leiterin des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, spricht von einem ganz besonderen Dokument: „Ein so persönliches Tagebuch, mit so vielen Gefühlen, ist außergewöhnlich.“ Patricia Peschel, die rund um den Ankauf des Porträts ebenfalls in Claudines Tagebuch gelesen hat, ergänzt: „Bei aller wissenschaftlichen Distanz kann man sich der Emotionalität nicht ganz entziehen. Man liest das Tagebuch und denkt immer: ,Hoffentlich kriegen sich die beiden noch‘.“

Sie kriegten sich, aber der irdische Teil des Glücks war nicht von langer Dauer: Sechseinhalb Jahre nach der Eheschließung besucht Claudine, schwanger mit dem vierten Kind, ihren Mann im Herbst 1841 bei einer Kavallerieübung in Pettau - heute Ptuj in Slowenien. Durchgehende Pferde trampeln sie zu Tode. Alexander kutschiert ihren Sarg persönlich ins heimatliche Erdöszentgyörgy. Ihr Herz kommt in eine eigene Urne, die für den Rest von Alexanders Leben (bis 1885) auf dessen Schreibtisch steht. Auch für den getreuen Ehemann galt folglich, selbst über den Tod hinaus, das Motto: „Das Herz gehört dazu.“ Andreas Volz

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