Kirchheim

Zur Strafe zum Dekan degradiert

Heute ist der 175. Todestag des Theologen, Pädagogen und Dichters Jonathan Friedrich Bahnmaier

Jonathan Friedrich Bahnmaier, kurzzeitiger Rektor der Universität Tübingen, wirkte von 1819 bis 1841 als Dekan in Kirchheim. Das
Jonathan Friedrich Bahnmaier, kurzzeitiger Rektor der Universität Tübingen, wirkte von 1819 bis 1841 als Dekan in Kirchheim. Das große Bild oben zeigt sein hiesiges berufliches Umfeld: den Chor der Martinskirche, das Dekanat (vom Baum verdeckt) und das Alte Pfarrhaus - mit dem Saal im Erdgeschoss, der heute nach seinem einstigen Pfarrer- und Dichterkollegen Albert Knapp benannt ist.Fotos: Jean-Luc Jacques¿/¿Tobias-Bild Universität Tübingen

Kirchheim. In Kirchheim erinnert so gut wie gar nichts mehr an den langjährigen Dekan Jonathan Friedrich Bahnmaier, der heute vor 175 Jahren in Owen gestorben ist. Dabei war

Bahnmaier ein ganz besonderer Dekan in Kirchheim. Normalerweise hebt diese Stelle ihren Inhaber unter den Pfarrern im Kirchenbezirk heraus. Häufig setzt sie den erfolgreichen Schluss- und Höhepunkt auf der kirchlichen Karriereleiter. Ganz anders bei Bahnmaier: Als er im Oktober 1819 in Kirchheim aufzog, begann zwar auch für ihn der Schlusspunkt der beruflichen Laufbahn. Aber es handelte sich zunächst eher um einen unrühmlichen Tiefpunkt. Er war nämlich strafversetzt worden.

Kurz zuvor hatte er noch einen weitaus illustreren Posten inne: Er war „Frühprediger“ sowie Professor für Pädagogik und Homiletik in Tübingen und hatte dort zudem das Predigerinstitut ins Leben gerufen. Für das Jahr 1819 ist er sogar in der Liste der Rektoren der Universität Tübingen verzeichnet. Eine glänzende akademische Karriere war also gerade auf ihrem Höhepunkt angekommen, als sie abrupt endete.

Der Grund für die Strafversetzung ist eng mit wichtigen Ereignissen der deutschen Geschichte verknüpft – und eben mit dem Jahr der „Verbannung“ nach Kirchheim: 1819. Im März begeht der Student Carl Ludwig Sand in Mannheim einen politisch motivierten Mord und ersticht einen in Studentenkreisen verhassten Mann, den erfolgreichen Theaterschriftsteller und russischen Generalkonsul August von Kotzebue.

Der Täter versucht, sich selbst zu töten, was ihm aber nicht gelingt. Er wird festgesetzt und vernommen. Außerdem gibt es Untersuchungskommissionen und die Forderung nach einer Verschärfung der Gesetze. Einziger Unterschied zu heute: Der Prozess gegen Sand endet im Mai 1820 mit einem Todesurteil, und wenige Tage später wird der Delinquent mit dem Schwert enthauptet.

Sogleich setzt eine Verehrung des Studenten als Märtyrer ein, die noch zusätzlichen Auftrieb durch die unmittelbaren politischen Folgen seiner Tat erhält: Auf Betreiben Metternichs waren im August 1819 die Karlsbader Beschlüsse verabschiedet worden. Dabei handelte es sich um mehr als die übliche Verschärfung der Gesetze.

Die deutschen Lande kamen endgültig unter den Druck der Metternichschen Restauration. Statt der erhofften Freiheit, für die die Studenten kurz zuvor gegen die napoleonische Besatzung gekämpft hatten, herrschte nun für die folgenden Jahrzehnte ein System der Bespitzelung und Überwachung, der eingeschränkten Freiheiten und der Pressezensur. Auch die Universitäten büßten althergebrachte Freiheiten ein.

Ein Exempel dafür ist an Jonathan Friedrich Bahnmaier statuiert worden: Als Rektor der Universität Tübingen hatte er einen Bericht zu verfassen – über Carl Ludwig Sand und über die Stimmung der Tübinger Studenten. Sand war 1814/15 in Tübingen immatrikuliert gewesen. Bahnmaier berichtet wahrheitsgemäß, wie es in einem Beitrag aus Band 6 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs heißt: „Die Professoren haben von den hiesigen Studierenden weder unmittelbar oder mittelbar andere als Äußerungen teils des Abscheus, teils lebhaften Bedauerns über die Tat gehört, die auf den Geist der Universität ein nachhaltiges Licht werfen könnte, und Äußerungen einer ebenso lebhaften Verwunderung darüber, daß gerade Sand, der den Ruf eines gesitteten, durchaus rechtlichen Mannes hier hinterlassen habe, einer solchen Tat fähig geworden sei.“

Diese Aussage war sicher noch im Sinn der Obrigkeit, auch wenn der Attentäter vielleicht als zu sittsam dargestellt wird. Allerdings fügt Bahnmaier – ebenfalls der Wahrheit verpflichtet – noch hinzu, dass auch in Tübingen die Studenten über August von Kotzebues historisch-politische Ansichten empört waren, wenn auch stets ohne „die Spur des Fanatismus, der Menschen zu dem Wahnsinn gesteigert hätte, durch Dolchstiche verbrecherisch in das Göttliche Weltgericht eingreifen zu wollen“.

Diese Bemerkung war es wohl, die Bahnmaiers Uni-Karriere beenden sollte. Weil er, wenn auch verhalten, angedeutet hatte, dass es für die Studenten aus deren Sicht berechtigte Gründe gab, Kotzebue zu hassen, warf ihm die württembergische Obrigkeit vor, Sympathien für den Attentäter zu hegen. Bahnmaier wurde für seinen Bericht gerügt und besaß auch noch die Vermessenheit, sich und seine Aussagen zu verteidigen. Das ließen sich die Minister sowie König Wilhelm I. natürlich nicht bieten, und so kam es, dass Jonathan Friedrich Bahnmaier seine Zelte in Tübingen abbrechen musste, um fortan als Dekan in Kirchheim zu wirken.

Auch wenn es ihm anfangs schwer fiel, als „verpflanzter Baum“ – ein Bild, das er selbst verwendete – in Kirchheim zu leben, machte er das Beste aus der Situation und entfaltete am neuen Ort ein äußerst segensreiches Wirken, zumindest aus seiner eigenen Sicht. Er war bestrebt, die Sittlichkeit in Kirchheim zu stärken, und wetterte gegen die verwahrloste Jugend: „Manche bringen die Sonntage und andere Zeit in Wirtshäusern und anderen für sie nachteiligen Orten zu.“ So wird er in Band 18 der Schriftenreihe des Stadtarchivs zitiert. Selbst die Ordnungshüter greift er an, weil sie eher in Sachen des sittlichen Verderbens als in anderen Dingen zum Vorbild taugen. Das steht zumindest in der Stadtgeschichte von 2006 über Bahnmaiers Feldzug gegen das Laster in Kirchheim.

Auf jeden Fall war Bahnmaier in seiner Zeit einer der angesehensten Einwohner Kirchheims, der seiner Aufgabe vor Ort sehr gewissenhaft nachging. Mit Pfarrer Albert Knapp arbeitete er von 1831 bis 1836 nicht nur theologisch und seelsorgerisch eng zusammen, sondern auch als Dichter. Besonders fühlte sich Bahnmaier auch der Kirchenmusik verbunden. Nicht zuletzt hatte er während seiner Zeit als Professor dafür gesorgt, dass ein alter Bekannter aus gemeinsamen Ludwigsburger Tagen 1817 zum ersten Tübinger Universitätsmusikdirektor berufen wurde: kein Geringerer als Friedrich Silcher.

1841 arbeitete Bahnmaier am neuen württembergischen Gesangbuch mit. Bis heute ist er mit einem seiner Lieder im Kirchengesangbuch vertreten, bezeichnenderweise im Regionalteil: „Walte, walte nah und fern, allgewaltig Wort des Herrn“. Allerdings heißt es schon in einem Teckboten-Artikel vom 20. August 1966 über Bahnmaiers schriftstellerische Arbeiten, sie seien verfasst „in manchmal etwas schwulstig und zu gefühlvoll klingender Sprache, die jedoch damals zeitgemäß war“.

An dieser Betrachtungsweise hat sich seither nichts geändert. Seltsam inhaltsleer kommt das genannte Lied daher, eher wie eine Aneinanderreihung hohler Phrasen. Eins aber muss man dem Dichter Jonathan Friedrich Bahnmaier lassen: Sein dichterisches Handwerk hat er beherrscht. Formal ist alles korrekt, Versmaße waren ihm also alles andere als böhmische Dörfer. Aber auch das war sicher „damals zeitgemäß“. Es gab im 19. Jahrhundert wohl kaum einen württembergischen Pfarrer, der nicht in der Lage gewesen wäre, ein handwerklich solides Gedicht zu drechseln.

Was bleibt heutzutage von Jonathan Friedrich Bahnmaier in Kirchheim? Die Erinnerung an eine bewegte Zeit, die ihn einst an die Teck geführt hat, und eine weitere Erwähnung des Namens „Kirchheim/Teck“ bei den Kurzbiographien im aktuellen Gesangbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Ein Grabmal in Kirchheim erinnert allerdings nicht an ihn. Dabei hatte er sich bis zum letzten Atemzug für seine Aufgabe als Dekan eingesetzt.

Am 17. August 1841 erlitt er, im Alter von 67 Jahren, bei einer Kirchen- und Schulvisitation in Brucken einen Schwächeanfall. Am Abend in Owen folgte ein Schlaganfall, der zur Bewusstlosigkeit führte. Am 18. August schließlich starb er in Owen an den Folgen dieses Schlaganfalls. Trotz der Strafversetzung 22 Jahre zuvor hat er also in der Stadt und im Kirchenbezirk Kirchheim bis zuletzt seine Pflicht erfüllt – klaglos und treu.

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