Kirchheim
Zwei Gräfinnen sind zu Besuch

Schlossführung Runa Singer und Stefanie Mayer klären in historischen Kostümen über die Verbindungen von Kirchheim nach St. Petersburg sowie nach London auf. Von Andreas Volz

Holzböden, wie primitiv – denkt sich Gräfin Galina Iwanowna, wenn sie durchs Kirchheimer Schloss schreitet. Von St. Petersburg ist sie anderes gewöhnt: Dort knarzt der Boden nicht bei jedem Tritt. Bevor sie aber ihr Näschen zu sehr rümpft, kommentiert ihre Cousine, Countess Maryann of Highmore: „Das ist doch eine robuste Eiche.“ Das britische Bäsle hält sich eben nicht nur in London auf. Als Pferdenärrin kennt Maryann auch das Leben auf dem Land.

So geht es zu bei der Kostümführung mit dem Titel „Von Kirchheim nach London und St. Petersburg“, unter dem Oberthema „Herzogin Henriette – Die Urgroßmutter Europas“. Hinter den beiden Gräfinnen verbergen sich im bürgerlichen Leben die Schlossführerinnen Runa Singer und Stefanie Mayer. 2017 haben sie mit den klassischen Schlossführungen begonnen, jede für sich. Es war ein abwechslungsreicher Nebenjob, auch während des Studiums.

„Wir sind irgendwann gefragt worden, ob wir nicht auch eine eigene Kostümführung machen wollen“, erzählt Stefanie Mayer. „Mir war von Anfang an klar: Wenn ich das mache, dann nur gemeinsam mit Runa. Zu dem Zeitpunkt waren wir gute Kolleginnen, die etwa zur gleichen Zeit angefangen hatten. Aber durch die gemeinsame Arbeit an diesen Führungen ist eine tiefere Freundschaft entstanden.“

Die wenigen Vorgaben beschränkten sich darauf, dass es inhaltlich um Herzogin Henriette gehen sollte und dass die beiden keine historischen Personen darstellen durften: „Deswegen sind unsere Figuren frei erfunden.“ Die Annahme, auf der alles beruht: „Unsere Mütter sind Schwestern, die einmal Hofdamen im Kirchheimer Schloss waren. Und wir beide sind jetzt auf Reise. In Kirchheim haben wir uns mit Henriette zum Tee verabredet.“

Weil die Herzogin auf sich warten lässt, erkunden die beiden Gräfinnen eben gemeinsam mit ihren Gästen aus dem 21. Jahrhundert Raum für Raum. Vieles, was sie vermitteln wollen, geschieht spielerisch: „Da gibt es eine Szene mit einer Tür, die nur halb offen ist. Dann bleiben wir davor stehen und räuspern uns – bis jemand die Tür aufmacht.“ Schon nehmen die Gäste eine wichtige Erkenntnis mit: Adel verpflichtet zu allerhand, nur nicht zu niedrigen Arbeiten.

Das Kostüm ist bei diesem Rollenspiel eine große Hilfe, meint Runa Singer: „Wenn ich das anhabe, fällt es mir viel leichter, mich hochnäsig zu geben.“ Auch sonst sind die Kostüme ein Highlight für die Führungsteilnehmer: „Das merken wir spätestens am Ende. Da werden wir viel fotografiert. Unsere Kleidung ist zwar nicht historisch, aber trotzdem authentisch. Es sind keine Faschingskostüme.“

Als das Programm stand und auch die „Abnahme“ hervorragend gelaufen war, hätten die beiden richtig loslegen wollen. Dann kam die Pandemie. Jetzt allerdings nehmen Galina und Maryann einen neuen Anlauf. Sie freuen sich auch darauf, ohne Masken agieren zu können – denn was nützt das schönste Kostüm, wenn das Zeitreise-Erlebnis für die Gäste durch eine Maske getrübt wird?

„Mon dieu, c’est magnifique“

So viel Verfremdungseffekt ist in diesem Fall nicht gewünscht. Die beiden wollen es aber auch mit anderen Effekten nicht übertreiben. Stefanie Mayer: „Wir hatten auch überlegt, ob wir mit englischem oder russischem Akzent auftreten sollen. Das haben wir aber schnell wieder aufgegeben, weil wir Akzente nicht gut nachahmenkönnen.“ Dafür gibt es Einsprengsel aus Fremdsprachen: Als „Engländerin“ lässt Stefanie Mayer immer mal wieder ein „Darling“ fallen. Runa Singer dagegen zeigt durch ein „Mon dieu“ oder „C’est magnifique“, dass die angesagte Sprache in feinen Kreisen vor 200 Jahren Französisch war.

Die Verbindungen des Hauses Württemberg zum russischen Zarenhof existierten zu Herzogin Henriettes Zeiten schon. Dass aber Elisabeth II. die Urururenkelin Herzogin Henriettes sein würde, konnte vor 200 Jahren noch niemand ahnen. Um auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, haben sich die „Gräfinnen“ einen Kniff ausgedacht: Sie erklären die Verwandtschaftsverhältnisse und stellen dann den „Altersunterschied“ zwischen sich und ihren Gästen ganz schnell wieder her, indem sie sagen: „Aber das alles passiert erst lange nach unserer Zeit.“ 

 

Termine bis Oktober – Anmeldung in Bebenhausen

Kostümführungen mit den „Gräfinnen“ Galina Iwanowna und Maryann of Highmore sind an folgenden Terminen regulär geplant: Samstag, 28. Mai (14.30 Uhr), Samstag, 4. Juni, Sonntag, 12. Juni, 19. Juni und 31. Juli (jeweils um 10.30 Uhr) sowie Samstag, 10. September, Sonntag, 18. September, Sonntag, 9. Oktober, und Samstag, 15. Oktober (jeweils um 14.30 Uhr).

Sondertermine lassen sich aus außerhalb dieser Zeiten vereinbaren – etwa als Bestandteil von privaten oder geschäftlichen Feiern.

Anmeldungen sind möglich beim Infozentrum Kloster und Schloss Bebenhausen, unter der Telefonnummer 0 70 71/6 02-8 02.

Spontan lässt sich unter dieser Nummer auch ein Platz für die Kasemattenführung am Freitag, 20. Mai, um 20 Uhr buchen.   vol