Kirchheim

Zwei Wochen als „Entdecker“ leben

Freizeit Das Zeltlager St. Ulrich ist für den Ehrenamtspreis nominiert. Wegen der Corona-Pandemie gab es dieses Jahr ein Programm im Bohnauhaus. Eingekauft wird regional und saisonal. Von Anke Kirsammer

Statt des im Zeltlager üblichen bunten Abends gibt‘s im Bohnaulager einen bunten Nachmittag. Dabei stellen zwei Mädchen mit eine
Statt des im Zeltlager üblichen bunten Abends gibt‘s im Bohnaulager einen bunten Nachmittag. Dabei stellen zwei Mädchen mit einem Märchenstück ihre Schauspielkunst unter Beweis. Foto: Markus Brändli

Schon von draußen ist durch die offenen Fenster Johlen und lautes Klatschen zu hören. Mitarbeiter stellen zum Motto „Märchen“ ihre Talente als „Entdecker“ unter Beweis, zeigen, dass sie das Zeug zur Balletttänzerin, zum Puppenspieler oder zur Rapperin haben. Kinder führen Interviews und küren, begleitet von einer La-Ola-Welle, den strengsten, den witzigsten und den beliebtesten Leiter. Es ist bunter Nachmittag - die Schlussrunde des Zeltlager-Ersatzes der Kirchheimer Kirchengemeinde St. Ulrich. An manchem „Insider“ merkt man, da ist in den vergangenen 14 Tagen viel zusammengewachsen. Zeltlager, das heißt unter Pandemiebedingungen: Bohnaulager im Bohnauhaus. „Wir haben versucht, Lagerrituale zu übertragen“, sagt der Leiter Jannik Burkhardt. Dazu gehört der Einsatz der großen Triangel, die sonst ans Lagerfeuer ruft. Abends ging‘s für die Teilnehmer dieses Jahr aber nicht ins Zelt, sondern nach Hause. „Es war mega, dass wir die zwei Wochen trotz Corona und den Hygieneauflagen so gut hinbekommen haben“, betont Sonja Koschei, eine von 16 Mitarbeiterinnen.

Nehmen an dem Zeltlager normalerweise 35 Kinder teil, waren es dieses Mal 23. Und auch wenn es kein Lagerfeuer, kein Geländespiel bei Dunkelheit und keine Nachtwache gab, um die Lagerfahne vor Überfällen zu beschützen - auf Nachhaltigkeit legten die Organisatoren wie in all den anderen Jahren auch im Bohnauhaus großen Wert.

Unter der Überschrift „regional, saisonal, fair“ wird seit vergangenem Jahr ressourcenschonend eingekauft. Bei zwei Höfen im Lenninger Tal wurde Nachschub für die Mahlzeiten geholt, die das Küchenteam täglich frisch zubereitete. Brot gab‘s vom lokalen Bäcker, Wurst und Fleisch vom Metzger, Getränke wurden in Glasflaschen vom örtlichen Getränkeshop herangekarrt. „Alle Händler waren enorm kooperativ“, sagt Friederike Wagner, die mit zwei anderen „Köchen“ dafür sorgte, dass so leckere Essen wie Kartoffelgratin oder Kartoffelpuffer, Pizza, selbstgemachte Spätzle, Müsli und viel Salat aufgetischt wurden. Ein Aha-Effekt: Der Einkauf ist gar nicht viel teurer, als wenn die Lebensmittel im Supermarkt eingekauft werden. Das alles brauche jedoch eine intensive Vorbereitung, betont die Jugendreferentin der katholischen Gesamtkirchengemeinde, Carolin Kolb. „Das Team setzt damit ein starkes Zeichen für Nachhaltigkeit.“

Eine Wiese, der Wald in Sichtweite und ein nahe gelegener See - mehr brauchen und wollen die eingespielten Macher in „normalen“ Jahren nicht als Rahmen für ihre kleine Zeltstadt. „Wir leben 14 Tage abgeschieden ohne Strom“, sagt Daniel Stäbler. Handys und Spielkonsolen bleiben zu Hause. „Das ganze Programm steht und fällt damit, wie kreativ die Kinder werden.“ Auf dem Platz dürfen die 9- bis 13-Jährigen herumrennen und laut sein, und sie lernen, für sich Verantwortung zu übernehmen. „Die Eltern sind immer ganz überrascht, wie selbstständig ihre Kinder nach den zwei Wochen zurückkommen“, so der Mitarbeiter. Zum spartanischen Leben mit Bastelangeboten und Spielen gehören selbstgebaute Duschen und Waschbecken mit kaltem Wasser, Dixiklos, Gaskocher und mit Gas betriebene Kühlschränke. In Ochsenhausen bei Biberach hat die Kirchengemeinde einen optimalen Ort für das Zeltlager gefunden. Geleitet von dem Gedanken, mit und in der Natur zu leben, ist der respektvolle Umgang mit der Umwelt, Tieren und Menschen zentral. Selbstverständlich ist deshalb auch, den Platz so zu verlassen wie er vorgefunden wurde.

Viele Mitarbeiter waren selbst als Kinder viele Jahre beim Zeltlager dabei. Bevor man die Seite wechselt, muss ein Jahr pausiert werden, um etwas Abstand zu den Teilnehmern zu bekommen. Auch wenn im Vorfeld zahlreiche Treffen nötig sind und manche der Ehrenamtlichen für das Zeltlager sogar Urlaub nehmen müssen - für viele ist es über Jahre das Highlight im Sommer, auf das sie vom Frühjahr an hinfiebern. „Es ist einfach schön zu sehen, wie die Kinder heranwachsen“, sagt Friederike Wagner.

Und da richtige Entdecker einfach im Zelt schlafen, hofft Jannik Burkhardt beim Verabschieden im Bohnauhaus per Fußcheck darauf, dass sich alle im nächsten Jahr wiedersehen und das Zeltlager wieder wie gewohnt stattfinden kann.

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