Kirchheimer Umland

„Afrikas Sonne nach Europa bringen"

Umwelt Wasserstoff werde sich als Energiespeicher durchsetzen, sagt Hydrogen-Geschäftsführer Jorgo Chatzimarkakis bei einem Vortrag in Kirchheim. Das Transportproblem könnten bestehende Pipelines lösen. Von Peter Dietrich

Wasserstoff
Für Jorgo Chatzimarkakis ist klar: Deutschland werde in Zukunft Energieimporteur bleiben, nur würden sich die Bezugsländer verändern: Statt Öl und Gas aus Saudi-Arabien und Russland werde dann in Portugal oder Marokko produzierter Wasserstoff importiert. Foto: Peter Dietrich

Eine neue Technologie durchlebt oft fünf typische Phasen: Auf anfangs übertriebene Erwartungen, sie sei das Wundermittel gegen alle Probleme, folgt das große Tal der Tränen und der Ernüchterung. Doch dann wird der neue Ansatz weiterentwickelt und setzt sich schließlich durch. Dies könne viel schneller gehen als anfangs erwartet, sagt Jorgo Chatzimarkakis, Geschäftsführer von Hydrogen Europe, Brüssel. Bei seinem Vortrag zum Thema Wasserstoff im Alten Gemeindehaus in Kirchheim stellte er zwei Fotos aus New York City gegenüber: Im Jahr 1900 war zwischen lauter Pferdekutschen das erste Auto zu finden, nur 13 Jahre später zwischen lauter Autos das letzte Pferd.

Jorgo Chatzimarkakis‘ eigener Weg zum Wasserstoff begann im Jahr 1984 mit einem Buch von Hoimar von Ditfurth, quasi dem Harald Lesch der 1980er-Jahre. Zwei Jahre später trat er der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) bei und ist heute der Landesvorsitzende der ÖDP Saar. Er war auf Einladung des ÖDP-Kreisverbands Esslingen nach Kirchheim gekommen, ausnahmsweise nicht mit seinem Wasserstoffauto. Zu den rund 50 Zuhörern vor Ort kamen diejenigen, die den Vortrag im Livestream verfolgten.

Die Umweltverbände sind für Wasserstoff, die großen fossilen Konzerne dagegen? Das könnte man meinen, doch die Lage ist etwas anders. Denn von den 230 Mitgliedern von Hydrogen Europe stammen inzwischen elf Prozent aus dem fossilen Bereich. Sie investieren kräftig in die neue Technik - auch wenn Jorgo Chatzimarkakis sagt, es müsse noch mehr werden. Auf der anderen Seite berichtet der Referent von seinem Ärger mit manchen Umweltverbänden: „Sie brauchen die Fossilen als Feind.“ Die Corona-Pandemie habe die politische Bereitschaft zum Wandel verstärkt. „Wir wollen bis 2024 jährlich eine Million Tonnen Wasserstoff erzeugen, das wäre sonst nicht gegangen.“

Wasserstoff ist ein Energiespeicher, Jorgo Chatzimarkakis beschreibt ihn als „gasförmigen Strom“. Der Vorteil sei daran: „Das Gasnetz ist schon da.“ Sei das Stromnetz gerade voll, bleibe die Windenergie bisher ungenutzt. In Mainz produziere nun eine Power-to-Gas-Anlage dann, wenn das Netz gerade voll oder der Strompreis gerade zu niedrig sei, mit Windenergie Wasserstoff. Die Umschaltung zwischen Einspeisung von Strom und Wasserstoffproduktion geschehe blitzschnell. Die Elektrolyse zur Wasserstoffproduktion lasse sich auch auf dem offenen Meer durchführen. Zum Transport des Wasserstoffs ließen sich die meisten Pipelines mit leichten Veränderungen weiterhin nutzen. Eine unterirdische Leitung mit 1,20 Metern Durchmesser transportiere dann so viel Energie wie drei große Masten mit Stromleitungen zu je drei Gigawatt.

Für Jorgo Chatzimarkakis ist klar: Deutschland werde in Zukunft Energieimporteur bleiben, nur würden sich die Bezugsländer verändern: Statt Öl und Gas aus Saudi-Arabien und Russland werde dann in Portugal oder Marokko produzierter Wasserstoff importiert. „Wir wollen Afrikas Sonne nach Europa bringen.“ Auch in der kalten Wüste Chiles seien die Produktionsbedingungen optimal. Es sei auch möglich, die deutsche Stahlproduktion nach Marokko oder Australien zu verlegen, das sei eine Frage der Ökobilanz, der Volkswirtschaft und der Arbeitsplätze. Der Unterschied zum ehemaligen Desertec-Projekt, das Solarstrom aus Afrika nach Europa bringen wollte: „Das Elektron verliert mit der weiten Strecke, das Molekül nicht.“

„Das kommt als Renaissance wieder“, sagt Jorgo Chatzimarkakis zum Verbrennungsmotor mit Wasserstoff, sieht aber die Anwendung mehr beim Lkw als im Stadtauto. „Es gibt keinen Gegensatz zur Batterie“, betonte er. Bei ihren Schätzungen, wie viele Wasserstoffautos es in Deutschland derzeit gebe, liegen die Zuhörer viel zu hoch, es sind nur zirka 500, für sie gibt es aktuell 100 Tankstellen. Der Referent kommt mit einer Tankfüllung 660 Kilometer weit.

Immer wieder werde eine neue Sau durchs Dorf getrieben, kritisiert eine Zuhörerin, die vor 40 Jahren auf die als umweltfreundlich propagierte elektrische Heizung und Warmwasserbereitung setzte und später bei jährlichen Kosten von 7000 Euro landete. Der Referent will dem nicht widersprechen, betont aber: „Wir müssen darauf achten, dass die Sau tatsächlich zur Nachhaltigkeit beiträgt.“

 

Wasserstoff im „Ländle“

Durch Daimler und Iveco liege das Zentrum für den Wasserstoff-Lkw in Baden-Württemberg“, sagt Jorgo Chatzimarkakis. Er kritisierte auch deutsche Autohersteller: „Daimler und VW haben es verschlafen.“ Deutschlands Kompetenz sei in Zukunft weniger als Wasserstoffproduzent, sondern im Umgang mit dem neuen Energiespeicher gefragt: „Wann setzte ich welche Energie ein“? Er lobte die Grünen für den Aufbau der erneuerbaren Stromproduktion, aber: „Nun blenden sie aus, dass es der Strom alleine nicht richten kann.“ Von der Kritik nahm er Umweltminister Franz Untersteller aus, dieser habe die nötige ausgewogene Sicht. pd

Referent Jorgo Chatzimarkakis.
Referent Jorgo Chatzimarkakis.  Foto: Peter Dietrich
Anzeige