Kirchheimer Umland

Agentur bekämpft die Abwärtsspirale

Jobcenter Die Arbeitsagentur beleuchtet das Thema Langzeitarbeitslosigkeit. Es geht darum, den Betroffenen durch neue Arbeit Strukturen zu geben und ihnen wieder soziale Teilhabe zu ermöglichen. Von Andreas Volz

Die Jobcenter wollen Langzeitarbeitslosen Wege aus der Perspektivlosigkeit eröffnen.Foto: Carsten Riedl
Symbolbild Foto: Carsten Riedl

Menschen definieren sich über ihre Arbeit. Das kann man zwar kapitalismuskritisch anprangern, aber es lässt sich nicht ändern. Auch im gesellschaftlichen Miteinander gilt fast immer die Devise: „Sage mir, was du arbeitest, und ich sage dir, wer du bist.“ Schwierig wird diese Gleichung für Arbeitslose - und erst recht für Langzeitarbeitslose. Dann ergibt sich nämlich recht schnell die fatale Aussage: Wer nichts arbeitet, ist ein Nichts. Ob das von außen kommt oder ob es innerlich so wahrgenommen wird, spielt keine Rolle. Was bleibt, ist die Stigmatisierung - mangelnde Akzeptanz nach außen und mangelndes Selbstwertgefühl nach innen.

Der Abwärtsspirale will die Arbeitsagentur entgegenwirken, und mitunter funktioniert das auch ganz gut: „Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht unveränderbar“, sagt Thekla Schlör, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göppingen. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen sei zwar einigermaßen konstant, die Menschen aber nicht. Immer wieder rutschen Neue von einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit in die Langzeitstatistik, die bei zwölf Monaten ohne Beschäftigung beginnt. Es gelingt aber auch immer wieder, Langzeitarbeitslose durch gezieltes Beraten und Fördern wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen. Von geförderten Stellen bei sozial orientierten Arbeitgebern geht es dann längerfristig auch wieder in eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Von solchen Erfolgsgeschichten ist beim Pressetermin zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit in Göppingen die Rede. Oft geht die Arbeit der Jobcenter-Mitarbeiter weit über die klassische Arbeitsvermittlung hinaus: Die Betreuer sind häufig eher als Sozialarbeiter oder als Therapeuten tätig, obwohl sie betonen, dass sie genau das eigentlich nicht sind.

Berater sind eng vernetzt

„Im Jobcenter können wir keine professionelle Schuldner- oder Suchtberatung anbieten. Aber wir wissen, wo unsere Kunden professionelle Hilfe bekommen können“, betont Thekla Schlör. Eine Besonderheit besteht darin, dass Jobcenter und Beratungsstellen eng verzahnt sind und einander zuarbeiten. Astrid Mast, Jobcenter-Geschäftsführerin für den Landkreis Esslingen, sieht darin sogar „einen Riesenvorteil“ der Hartz IV-Reformen: „Die Hilfsangebote existieren nicht mehr nebeneinander, sie sind eng miteinander vernetzt.“

Ein passendes Beispiel dazu liefert Melissa Müller, Arbeitsvermittlerin und Koordinatorin für Soziale Teilhabe im Landkreis Esslingen: Ein Elektro-Installateur hatte wegen seiner Sucht und entsprechenden privaten Problemen seine Stelle verloren. Das Jobcenter konnte ihm aber eine neue Arbeitsstelle zur Probe verschaffen. Zusätzlich bekam der Mann noch einen sozialpädagogischen Coach für zwei Jahre. So konnte dem Mann geholfen werden, aus der Langzeitarbeitslosigkeit wieder herauszukommen.

Oft geht es darum, den Menschen zu helfen, überhaupt wieder einen Rhythmus in ihr Leben zu bringen, einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Astrid Mast: „Langzeitarbeitslosigkeit bedeutet immer auch einen Rückzug - von den Kollegen, von den Freunden, von der Familie.“ Eine ganz andere Frage geht mit der Vorbildfunktion von Eltern einher: „Was macht das mit den Kindern?“ Astrid Mast sieht in der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt außer dem Dienst am Einzelnen auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: „Wir wollen gegen die Gettoisierung angehen, gegen die Milieubildung, wie sie in Frankreich sehr ausgeprägt ist. Wir wollen nicht, dass Perspektivlosigkeit in Wut umschlägt.“

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