Kirchheimer Umland

Akzeptieren statt korrigieren

Die „Betreuung mit Herz“ bei Demenzkranken zeigt deutliche Erfolge

Die Betreuung von Demenz-patienten in den Senioren- und Pflegeheimen steht immer mal wieder in der öffentlichen Kritik. Aurelio Vacca, selbst seit fünf Jahren Betreuungskraft in einem Pflegeheim, hat im Zuge seiner Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen die ­„Betreuung mit Herz“ ins Leben gerufen.

Sie sind beide Betreuer mit Herz: Aurelio Vacca und Lebenspartnerin Christine Lorenzani. Foto: Thomas Krytzner
Sie sind beide Betreuer mit Herz: Aurelio Vacca und Lebenspartnerin Christine Lorenzani. Foto: Thomas Krytzner

Kirchheim. Immer wieder gibt es kritische Berichte in den Printmedien und im Fernsehen über die Betreuung betagter Menschen, insbesondere der an Demenz erkrankten. So galt lange Zeit der Grundsatz: Satt, sauber und genügend Schlaf. Dass auch kranke Menschen ein Anrecht auf Lebensqualität und Lebensteilnahme haben, geriet zusehends in den Hintergrund. Die finanziellen Aspekte ließen eine individuelle Pflege nicht zu.

Im Laufe der Zeit hat sich die Einstellung positiv verändert und 2007 wurden vom Bund Qualifizierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose eingeführt. 25 000 zusätzliche Betreuungskräfte standen nach dreiwöchiger Einführung in den Pflegeheimen zur Verfügung. Schnell wurde im Pflegebereich klar, dass hier dringend eine länger dauernde Qualifizierung nötig war. An diesem Punkt stieg Aurelio Vacca aus Wendlingen ein und rief mit vielen andern Fachkräften die „Betreuung mit Herz“ ins Leben.

Die Hauptaufgabe der Betreuer war und ist es, den betagten, an Demenz erkrankten Menschen, das Dasein so angenehm wie möglich zu gestalten. Es gab auf Initiative von Aurelio Vacca, der mittlerweile seit fünf Jahren Dozent und Ausbilder für Betreuungskräfte ist, mehrere Treffen, bei denen sich die Betreuer austauschen konnten. War das Interesse am Anfang noch groß, ließ die Teilnehmerzahl in der Folge schnell nach. Der Zeitfaktor spielte dabei eine große Rolle. Aktuell gibt es zwei Weiterbildungstage im Jahr, die rege genutzt werden. Das Ziel sei immer das gleiche, verrät Vacca: die Vision ist der wertschätzende Umgang mit allen Menschen. Naomi Feil, von Deutschland in die USA ausgewandert, gab mit ihrem Stichwort „Validation“ die Basis für die Betreuung mit Herz. Über Demenz sagte sie: „Demenz ist eine Möglichkeit, den eigenen Rucksack zu leeren.“

Aurelio Vacca hat sich diese Worte zu Herzen genommen und schnitt die alten Zöpfe der bisherigen Betreuung ab. „Man muss sich in den Demenzkranken hineinversetzen und vergessen, was man von diesem Menschen alles verlangen will.“ Akzeptieren, statt korrigieren, sei der richtige Weg, um mit diesen Menschen umzugehen, weiß Vacca und erklärt, wer mit Demenz zu tun habe, müsse empathisch sein und in den Schuhen des andern gehen. So habe man in vielen Pflegeheimen vor allem die Wertschätzung der Bewohner gestärkt und parallel den Spaß, Singen und Musizieren sowie Bewegung im Angebot. „Der Erfolg ist eingeschlagen wie ein Blitz“, freut sich Aurelio Vacca. Er hat bei vielen Menschen, die lange nicht mehr gesprochen haben, festgestellt: „Durch das Glücklichsein haben die Menschen vergessen, dass sie nicht sprechen können.“ Andere, die die Arme nicht mehr bewegen können, hätten plötzlich die Arme in die Luft gerissen oder zur Musik geklatscht. „Wenn man es nicht mit eigenen Augen sehen würde, könnte man es kaum glauben“, so Vacca.

Durch den Einsatz dieser Themen sei in seinem Pflegeheim sogar ein Rückgang des Medikamentenverbrauchs verzeichnet worden. Insgesamt seien die physischen und psychischen Zwangsmaßnahmen zurückgegangen. „Durch die Großgruppen von 20 bis zum Teil 90 Menschen werden viele animiert, mitzumachen, ohne dass jemand die eigenen Schwächen sieht“, vermutet Aurelio Vacca. Die Gruppendynamik verhindert seiner Ansicht nach die Vereinsamung und verlangsamt zum Teil den Fortschritt der Demenz. Es bleibt allerdings die Forderung, dass die Unterstützung durch die Krankenkassen und Heimleitungen kontinuierlich optimiert wird. Nur so sei es möglich, den Menschen mit Demenz ihren letzten Lebensabschnitt lebenswert zu gestalten. „Betreuungsarbeit“, sinniert Aurelio Vacca, „ist kein Pensum, das du absolvieren sollst, sondern eine Aufforderung an die liebevollen Möglichkeiten deines Herzens.“

Weitere Informationen zur „Betreuung mit Herz“ finden Interessierte im Internet unter www.fb.com/betreuungskraft.

Was ist Demenz?

Demenz stammt von Dementia ab und bedeutet frei übersetzt „weg vom Geist“. Man unterscheidet mehrere Demenz-Arten: Die vaskuläre Demenz ist meist durch Blutpfropfen in den Gefäßen verursacht. Die Blutpfropfen lassen sich zwar operativ entfernen, die Schädigung im Gehirn durch ausgetretenes Blut ist jedoch irreparabel. Eine hinterlistige Form von Demenz ist die frontotemporale oder picksche Erkrankung. Bei dieser Form wird der Mensch sehr schnell zum Wrack. In der einen Richtung kann der Erkrankte total hemmungslos werden und sämtliche Emotionen und Grenzen ausschalten. In der anderen Richtung führt die Art der Demenz zur völligen Teilnahmslosigkeit. Eine dritte Form von Demenz, das Wernicke-Korsakow-Syndrom, ist zu großen Teilen selbst verschuldet und damit die unnötigste Art. Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch sind oft Verursacher dieses Syndroms. Der Verlauf der Demenz bleibt bei allen Varianten ähnlich. Die Persönlichkeit verändert sich, häufig treten dann Aphasie – die nicht angeborene Sprachstörung – Apraxie – eine angeborene oder erworbene neurologische Bewegungsstörung – und die Agnosie – eine Störung des Erkennens von Sinneseindrücken auf. Oft verhindert die Störung des kognitiven Denkens, dass sich ein Mensch noch in der richtigen Reihenfolge anziehen kann. Die Alltagstauglichkeit fällt weg. Die Demenz selber führt nicht direkt zum Tod, obwohl sie nach aktuellen Informationen nicht vollständig heilbar ist. Da die Demenz im Hirn Zellen absterben lässt, ist die logische Folge im Lauf der Zeit der Hirntod. Verhindert werden kann die Demenz nicht, allerdings kann durch eine gesunde Lebensweise das Risiko der Erkrankung deutlich verringert werden. Rauchen, Alkohol, Übergewicht und Stress sind häufig Auslöser. Menschen, die an Demenz erkranken, merken dies zwar, werden aber alles tun, die Defizite zu überspielen. Für Angehörige, die Veränderungen der Persönlichkeit feststellen, ist es sehr schwierig, mögliche Patienten zum Arztbesuch zu überreden. Am ehesten erkennt man die Veränderung, dass der Mensch Dinge tut, die er sonst nie getan hat: beispielsweise fünf Mal am Tag zum Bankautomaten gehen, um zu prüfen, ob das Geld noch da ist – oder er kauft mehrmals am Tag Hundefutter, obwohl er gar keinen Hund hat. Hat man es geschafft, einen vermutlich Demenzkranken zum Arzt zu bringen, kann der Mediziner schnell erkennen, ob eine Demenz vorliegt. Oft wird dies mit dem bekannten Uhrentest oder dem kurzfristigen Auswendiglernen von vier Wörtern geprüft. Mittlerweile gibt es nach dem ersten medizinischen Test nach sechs Monaten einen zweiten, um eine Verwechslung mit dem Delir zu verhindern. Als Delir oder Delirium wird eine vorübergehende, körperlich bedingte psychische Störung mit einem breiten Spektrum akuter Verwirrtheitszustände bezeichnet. Die Ursachen für ein Delir sind unterschiedlich und unspezifisch. Verschiedene Erkrankungen, Medikamente, Vergiftungen mit Alkohol oder Drogen sowie deren Entzug können in einem Delirium gipfeln. Als ein weiterer Risikofaktor gilt das Alter: Das Delir tritt mit Abstand am häufigsten jenseits des 60.  Lebensjahres auf. Normalerweise ist ein Delirium zeitlich begrenzt. Durch Sensibilisierung der Sinne, der Förderung der noch vorhandenen Möglichkeiten und mit einer „Betreuung mit Herz“ kann der Fortschritt der Demenz häufig deutlich verlangsamt und somit das Leben des an Demenz erkrankten Menschen möglichst lebenswert gestaltet werden. kry

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