Kirchheimer Umland

Als der Christstollen zögerte

Literarisch-musikalischer Nachmittag mit Margot Käßmann und Werner Hucks in Hochdorf

Eigentlich wollte die wohl bekannteste deutsche Pfarrerin, Margot Käßmann, nur mal kurz auf der Durchreise das Hochdorfer „S’Caféle“ besuchen. Nicht nur das kleine Café, auch die Martinskirche war zu klein. 450 Zuhörer lauschten in der ausverkauften Breitwiesenhalle ihr und dem Meistergitarristen Werner Hucks.

Margot Käßmann trat in Hochdorf mit dem Meistergitarristen Werner Hucks auf.Foto: Peter Dietrich
Margot Käßmann trat in Hochdorf mit dem Meistergitarristen Werner Hucks auf.Foto: Peter Dietrich

Hochdorf. Es war vor einen Jahr an Weihnachten, in Hannover. Als die Lesung mit „Es begab sich aber zu der Zeit . . .“ begann, stöhnte ein neunjähriger Junge: „Oh Mann, die Story kenne ich schon.“ „Ja, diese Geschichte verändert sich nicht“, sagte Käßmann zu dem Jungen, „du wirst sie wieder und wieder hören. Aber du und die Welt verändern sich, deshalb hörst du sie anders.“

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Beim literarisch-musikalischen Adventsnachmittag las Käßmann die Geschichte aus dem Evangelium nach Lukas. Und erzählte dann sogleich eine etwas andere Weihnachtsgeschichte: Männer zogen durch die Stadt und schmierten „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ auf die Wände. Da beschlossen ganz viele, zurück in ihre Heimat zu ziehen. Dem Kakao, der zurück nach Ghana zog, folgte die Schokolade, der Kaffee machte sich zurück auf den Weg nach Afrika und Lateinamerika. Die Südfrüchte räumten ihren Platz, Gewürze wie den Zimt zog es zurück nach Indien. Das Lübecker Marzipan erinnerte sich an seine alte Heimat in Persien. Nur der Dresdner Christstollen zögerte, war er doch ein Mischling. Am Himmel flogen Weihnachtsgänse heim nach Polen. Doch Maria, Josef und das Jesuskind, ausgerechnet drei Juden, sie blieben. „Wenn wir auch noch gehen“, sagte Maria, „wer kann ihnen denn noch den Weg zurück zeigen, zurück zu Toleranz und Menschlichkeit?“

„Wenn in diesen Tagen die Pegida-Bewegung erklärt“, sagte Käßmann, „gerade sie würde das christliche Abendland verteidigen, dann irrt sie. Christlich ist eine Kultur der Barmherzigkeit. Es geht nicht um ein süßlich-kitschiges Familien-Idyll. Was bedeutet es, wenn Gott in diese Welt kommt, geboren von Habenichtsen, schon als Säugling zur Flucht gezwungen? Ein Kind in Armut, wie heute 600 Millionen Kinder in der Welt?“ Der Erlös des Nachmittags des „S’Caféle“ und der evangelische Kirchengemeinde geht in die Flüchtlingshilfe.

Margot Käßmann wuchs in einer kleinen Stadt in Hessen auf. Sie war die jüngste von drei Schwestern, ihr Bruder starb ganz früh. Sie fand immer gemein, dass die älteste Schwester das Lukasevangelium und die mittlere den „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm lesen durfte, ihr blieb nur das Christkind. Nun, im Großmutterstatus, las sie vergnügt den Knecht Ruprecht. „Den dürften wir vielleicht gar nicht mehr lesen, der ist politisch nicht mehr ganz korrekt.“ Denn seit dem Jahr 2000 gebe es in Deutschland das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung.

Sie erzählte von Weihnachten bei Familie Luther und vom Weihnachten, an dem sich die mütterlichen Ermahnungen mitten in den besinnlichen Weihnachtstext drängen. Sie las die Geschichte des jungen Engels, der nicht vom „Frieden auf Erden“ singen will. „Es ist schlicht nicht wahr, dass Frieden auf Erden unter den Menschen ist“, klagte er, „und ich singe nicht gegen meine Überzeugung.“ Sie brachte einen Gruß aus Berlin, wo sie seit gut fünf Jahren wohnt, mit einem „Dankesbrief für einen Christstollen“ an Heinrich Zille.

„Wir müssen auch im Advent das Dunkel nicht leugnen“, sagte Käßmann und erzählte von Jochen Klepper. Er heiratete 1931 eine Jüdin. Als sie und die Tochter ins KZ abtransportiert werden sollen, nimmt sich Klepper mit beiden im Advent 1942 das Leben. Von ihm stammt das schwermütige Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“. Werner Hucks präsentierte dieses und viele andere Lieder mal melancholisch, mal jazzig und immer virtuos. Er ist ein Meister der Töne, mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung und vielen eigenen CDs.

Auch sie, schloss Käßmann, höre die Weihnachtsgeschichte gerade wieder ganz anders. Denn am Sonntagmorgen um fünf Uhr wurde ihr dritter Enkel geboren.