Kirchheimer Umland

Als Zeigefinger nötig

Fröhliche Jubiläumsgala der Kirchheimer Lebenshilfe in der Stadthalle – Tanz, Theater und „Chor ohne Barrieren“

Vor 50 Jahren gründeten Eltern und Unterstützer die Ortsverei­nigung der Lebenshilfe: Eltern, Angehörige und Menschen mit Behinderung halfen sich selbst. Die bunte Jubiläumsgala in der Kirchheimer Stadthalle wurde für rund 300 Gäste, unter ihnen viel lokale Prominenz, keine Minute langweilig.

50 Jahre Ortsvereinigung in Kirchheim: Mit einer bunten und unterhaltsamen Gala in der Stadthalle feierte die Lebenshilfe Kirchh
50 Jahre Ortsvereinigung in Kirchheim: Mit einer bunten und unterhaltsamen Gala in der Stadthalle feierte die Lebenshilfe Kirchheim ihr Jubiläum.Foto: Deniz Calagan

Peter Dietrich

Kirchheim. Irgendwann wiederholen sich Grußworte zu Jubiläen, dann wird es oft zäh. Die Lebenshilfe war klug und ersetzte die Grußworte durch eine viel interessantere Gesprächsrunde mit Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Landrat Heinz Eininger und Rolf Flathmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bundesvereinigung der Lebenshilfe.

Wie kam der erste Kontakt zur Lebenshilfe zustande? Matt-Heidecker hat als Nachbarkind miterlebt, wie diese im Jahr 1967 in der Baracke in der Austraße ihre Schule eröffnete. Der Kirchheimer Maler Carl Weber, der nach seinem Tod einen Teil seines Vermögens der Lebenshilfe vermachte, ging bei ihren Eltern ein und aus. Eininger, der 1992 als Bürgermeister nach Kirchheim kam, erinnert sich an Begegnungen mit dem Arbeitskreis Behinderte (AKB): „Ich habe selten so viel Spaß beim Kochen gehabt.“ Flathmann wurde 1988 ein Sohn mit Down-Syndrom geboren, er erfuhr viel Hilfe von der Lebenshilfe. Aber sein Sohn durfte nicht zu den Geschwistern in den Kindergarten. „Dann müssen wir einen Kindi bauen“, befand Flathmann. „Dann brauchen Sie einen Träger“, sagte ihm die Stadt. Er fand ihn in der Lebenshilfe.

„Es geht nur, wenn wir die Menschen vor Ort erreichen“, ist Flathmann überzeugt. „In Deutschland sind wir überall präsent.“ Es gibt rund 520 Orts- und Kreisvereinigungen, sie sind von Flensburg bis Garmisch ganz bunt und verschieden. Die Kirchheimer Vereinigung arbeitet an vielen Stellen mit der Stadt zusammen: beim Dämmerschoppen, beim Aufstellen der Sozialpläne, im Integrationsrat. „Inklusion heißt nicht Hilfe, sondern Teilhabe“, sagte Matt-Heidecker. „Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass diese Teilhabe möglich wird.“ Die Lebenshilfe sei „auch als Zeigefinger“ nötig. „Uns sind im Landkreis 2 300 Menschen mit Behinderungen anvertraut“, sagte Eininger, für mehr als 50 übernehme die Lebenshilfe Verantwortung, als ein vertrauensvoller Partner.

Ein Kurzfilm, von Barbara und Hartmut Ibsch nach einer Idee des Lebenshilfe-Geschäftsführers Martin Wirthensohn in gewohnt guter Qualität produziert, ließ prägende Persönlichkeiten aus der Geschichte der Kirchheimer Lebenshilfe zu Wort kommen. „Ich fand es faszinierend, an diesem Haus Lebenshilfe zu bauen“, sagt der frühere Vorsitzende Christian Birzele-Unger. Gisela Wahl, 1970 als erste Frau und Mutter in den Vorstand gewählt, erzählt von „vielen menschlichen Beziehungen, die wir ohne behindertes Kind nicht gehabt hätten“. Martha Metzger, zwölf Jahre lang im Vorstand, schätzt das Miteinander von Fachleuten und Ehrenamtlichen.

Ein außergewöhnliches Miteinander herrscht im „Chor ohne Barrieren“. Das Gemeinschaftsprojekt von Lebenshilfe und Musikschule Kirchheim begann vor einem Jahr. Ob bei afrikanischen Rhythmen oder bei „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“, die große Freude an der Musik war unübersehbar. Überhaupt nicht zu sehen war, wie der von begeisterten Kindern umlagerte Zauberer Jürgen Metzger das mit den Karten hinbekam, auch wenn man nahe heranging. Er unterhielt die Gäste, während das große Buffet geöffnet war.

Die AKB-Theatergruppe präsentierte ihr eigens für die Jubiläumsgala einstudiertes Kurztheater „Ristorante Mamma Mia“. Die Sanitäter rückten mit dem Leiterwagen an, ein müder Kommissar ermittelte: Was war bloß mit der Pizza los?

Günter Klemm und Gerhard Thrun hatten in den Archiven gegraben und zu „50 Jahre Lebenshilfe Kirchheim“ eine Präsentation mit Fotos und Videos zusammengestellt. Sie reichte vom Spatenstich des Jahres 1994 im Wohnheim Saarstraße bis zum aktuellen Wohnprojekt Quartier 107° am Bahnhof. Dort schafft die Lebenshilfe ein stationäres Wohnangebot mit zwölf Plätzen und fünf Appartements für das Ambulant Unterstützte Wohnen.

Nach so viel Sitzen und Zusehen war es Zeit für einen gemeinsamen Tanz: Bitte alle mitmachen, Tanzkurserfahrung ist nicht nötig. Die Lynette-Haynes-Band spielte noch etwa eineinhalb Stunden.

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