Kirchheimer Umland

Arbeiten in einer Männerdomäne

Beruf Frauen und Technik? Überhaupt kein Problem: Viola Finger ist seit Juli 2015 im Hochdorfer Kalibrierlabor Esenwein angestellt. Seit August dieses Jahres ist die 31-Jährige stellvertretende Laborleiterin. Von Katja Eisenhardt

Viola Finger ist stellvertretende Leiterin eines Kalibrierlabors.Foto: Katja Eisenhardt
Viola Finger ist stellvertretende Leiterin eines Kalibrierlabors.Foto: Katja Eisenhardt

In Deutschland gibt es 132 Kalibrierlabore, die für elektrische Messgrößen im Bereich „Gleichstrom- und Niedrigfrequenz“ akkreditiert sind. Eines davon ist das Hochdorfer Kalibrierlabor Esenwein. Dass der Posten der stellvertretenden Laborleitung dort von einer Frau besetzt ist, ist aktuell noch eine Seltenheit im Land. Viola Finger ist eine von deutschlandweit nur 22 Frauen in dieser Position - bei insgesamt 239 stellvertretenden Laborleitern. Bei den Laborleitern ist der Anteil weiblicher Kollegen noch geringer: Unter 132 Laborleitern sind nur zwei Frauen. Diese Zahlen der DAkkS (Deutsche Akkreditierungsstelle) zeigen deutlich, dass sich die 31-Jährige im deutschlandweiten Vergleich in einer wahren „Männerdomäne“ behauptet. Als stellvertretende Laborleiterin ist Viola Finger im Kalibrierlabor Esenwein unter anderem für die Messmittelpflege zuständig, also für die regelmäßige Kontrolle der laboreigenen Messgeräte, die ebenfalls kalibriert werden müssen. Sie erstellt Prüfpläne für neue Gerätetypen und vertritt ihre Firma in Fachausschüssen.

In einem technischen Beruf zu arbeiten, sei ursprünglich nicht ihr Ziel gewesen, erzählt Viola Finger: „Als Kind habe ich noch davon geträumt, Ballerina oder Pferdewirtin zu werden. Später standen dann Berufe wie Veranstaltungskauffrau im Konzertmanagement ganz oben auf der Liste. Also was völlig anderes“, erzählt sie. Die Leistungsfächer Deutsch, Biologie und Musik beim Abitur ließen ebenso keinen technischen Werdegang erahnen. „Mir lag allerdings schon immer das logische Denken und Fächer wie Mathematik“, berichtet Finger. So kam das Interesse an der Technik. Sie hatte sich dann informiert, was für Berufsbilder dazu passen. Eines der Ergebnisse war der Elektroniker: „Davon hat mich allerdings die körperliche Belastung, die viele Handwerksberufe mit sich bringen, abgehalten“, erklärt Viola Finger.

Stattdessen absolvierte sie von 2006 bis 2009 eine Ausbildung zur Systemelektronikerin in Furtwangen im Schwarzwald. Der Ausbildungsgang war noch ganz neu, sie war im zweiten Jahrgang. In Rheinland-Pfalz, wo Viola Finger herkommt, gab es die Ausbildung zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Unter den 22 Azubis in ihrem Jahrgang sei außer ihr noch eine weitere Frau gewesen, „die hat aber nach sechs Wochen abgebrochen“.

Für die stellvertretende Laborleiterin ist das Arbeiten in der Männerdomäne kein Problem: „Ich fühle mich willkommen, das war auch während der Ausbildung kein Thema. Man muss eben fachlich kompetent und selbstbewusst sein. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich zwischen den ganzen männlichen Kollegen untergehe.“

Mädels, die sich von einer technischen Ausbildung eher abschrecken lassen, rät Viola Finger, sich auf Ausbildungsmessen wie etwa dem Girls Day oder im Rahmen verschiedener Praktika zu informieren: „Ich wusste vor meiner Ausbildung auch nicht, was ein Transistor ist, und konnte auch nicht löten. Ich hatte weder groß etwas mit Elektronik zu tun noch habe ich am PC etwas programmiert. „Man muss kein Nerd sein, um einen technischen Beruf zu lernen“, fügt sie hinzu und lacht.

An ihrem Beruf und ihrem aktuellen Berufsfeld im Kalibrierlabor schätzt sie besonders die Vielseitigkeit, die allein schon durch die zahlreichen zu kalibrierenden Messgeräte zustande kommt. Theoretisch könnte sie sich auch auf einen Bereich wie das Programmieren spezialisieren, „das wäre mir persönlich aber zu einseitig“, sagt die 31-Jährige. Neben Kalibrierlaboren könne man als Systemelektroniker auch in der Autoindustrie oder dem Maschinenbau arbeiten. „Kalibrierlabore sind eher eine Nische, die nicht allen Elektronikern als potenzieller Arbeitsplatz bekannt ist“, meint sie.

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