Kirchheimer Umland

Arche bietet Flüchtlingen ein Zuhause

Im neuen Jahr ziehen Jugendliche in das Hirschgebäude – Betreut werden sie von der Stiftung Tragwerk

Seit anderthalb Jahren ist das Hirschgebäude der Arche in der Notzinger Ortsmitte verwaist. So lange schon leben die Bewohner – Menschen mit psychischen Erkrankungen – im Neubau. Nun kehrt wieder Leben in den Altbau ein: Ab nächstem Jahr finden dort minderjährige Flüchtlinge ein Zuhause, die ohne Begleitung nach Deutschland geflohen sind.

Momentan ist der Arche-Altbau unbewohnt. Anfang des nächsten Jahres ziehen jugendliche Flüchtlinge ein.Foto: Jean-Luc Jacques
Momentan ist der Arche-Altbau unbewohnt. Anfang des nächsten Jahres ziehen jugendliche Flüchtlinge ein.Foto: Jean-Luc Jacques

Notzingen. Die 14 jugendlichen Flüchtlinge leben nicht allein in der Arche. In Wohngruppen und -gemeinschaften kümmern sich Mitarbeiter der Stiftung Tragwerk um sie – an 365 Tagen im Jahr, Tag und Nacht. Familienersatz für Heranwachsende, die sich in der Fremde zurechtfinden müssen. Die Stiftung ist ein großer Träger der Jugendhilfe im Landkreis. Er ist unter anderem für Kinder und Jugendliche zuständig, die nicht in ihren Familien leben können.

Auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf Jugendhilfe. Seit immer mehr von ihnen in den Landkreis kommen, platzen die Wohngruppen und -gemeinschaften der Stiftung Tragwerk aus allen Nähten. Dass der Trägerverein der Arche zwei Stockwerke an die Stiftung vermietet, ist für die Mitarbeiter deshalb ein absoluter Glücksfall. „Wir haben aktuell schon 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei uns untergebracht. Wir brauchen dringend neue Plätze, um den Regelbetrieb aufrechterhalten zu können“, sagt Michael Dautel von der Stiftung Tragwerk. Schließlich gebe es auch noch das eigentliche Aufgabenfeld der Stiftung: die klassische Jugendhilfe.

Die Jugendlichen, die von den Schleusern häufig an der Autobahn abgesetzt werden, kommen aus aller Herren Länder: Afghanistan, Syrien, Irak, Iran, Eritrea, Gambia, Nigeria. Und sie werden immer jünger. „Früher hatten wir mehr 16- und 17-Jährige. Heute sind die Jugendlichen, die bei uns ankommen, 14 oder 15“, sagt Michael Dautel. Das liege unter anderem daran, dass die Flucht nach Europa heute meist schneller gehe. „Früher haben die Jugendlichen von Afghanistan nach Deutschland zwei Jahre gebraucht. Heute sind es 30 Tage“, sagt Michael Dautel. Die jüngeren Flüchtlinge werden in einer achtköpfigen Wohngruppe im ersten Dachgeschoss der Arche leben. Im zweiten Dachgeschoss entsteht eine Jugend-Wohngruppe für die Älteren, die schon etwas selbstständiger sind. Die Jugendlichen müssen nicht mit 18 Jahren ausziehen. Sie dürfen in der Regel so lange bleiben, bis sie einen Berufsabschluss erreicht haben und auf eigenen Beinen stehen.

Laut Jochen Schmölders, therapeutischer Geschäftsführer der Arche, freuen sich die Bewohner schon auf „die Neuen“. „Ich stelle eine hohe Offenheit bei unseren Bewohnern fest. Einige fragen immer wieder: Wann kommen die denn?“, sagt Schmölders. Wolfgang Kalmbach, Vorsitzender des Fördervereins der Arche, glaubt, dass das Zusammenleben der psychisch erkrankten Menschen mit den Flüchtlingen funktionieren wird – unter anderem auch deshalb, weil die Jugendlichen im Hirschgebäude rund um die Uhr betreut werden. „Unsere Bewohner haben ein hohes Schutzbedürfnis. Die gute Betreuung gewährleistet, dass die Interessen und Bedürfnisse der Bewohner nicht miteinander kollidieren.“ Dass Mitarbeiter der Stiftung Tragwerk permanent anwesend seien, sei sicher auch im Interesse der Bürger der Gemeinde Notzingen. Laut Wolfgang Kalmbach greifen Stiftung Tragwerk und Arche mit der Schaffung dieser Unterbringung auch der bürgerlichen Gemeinde unter die Arme, die bekanntlich verpflichtet ist, eine gewisse Zahl an Flüchtlingen unterzubringen. Die 14 neuen Arche-Bewohner werden auf diese Zahl angerechnet.

Bevor die Jugendlichen kommen können, müssen die zwei Dachgeschosse gründlich renoviert werden, um alle Anforderungen an Sicherheit und Brandschutz zu erfüllen. Im westlichen Teil des Hauses soll eine Fluchttreppe angebracht werden. Außerdem sucht die Stiftung Tragwerk pädagogisches Personal, das die Flüchtlinge betreuen kann.

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