Kirchheimer Umland

Auf dem Schafhof heulen Eulen

Miteinander „Tierische Untermieter“ bringen Naturgefühl in die Nachbarschaft. Vögel und Menschen akzeptieren sich in den Vorgärten gegenseitig. Von Katharina Daiss

Diese Waldohreule wartet gelassen in ihrem Baum auf dem Schafhof auf die Dämmerung.Foto: Carsten Riedl
Diese Waldohreule wartet gelassen in ihrem Baum auf dem Schafhof auf die Dämmerung. Foto: Carsten Riedl

Bernsteinfarben blitzen die Augen der kleinen Waldohreule auf, die aus dem Schatten der Äste jede Bewegung ihrer Umgebung beobachtet. Bis die Dämmerung einbricht wird der junge Nachtgreif noch in der efeuumrankten Konifere ausharren. Dann breitet er seine langen Schwingen aus und bricht lautlos zur Jagd auf, begleitet von seiner Mutter und vier Geschwistern. Vor Feinden muss sich die gefiederte Familie dabei nicht fürchten: In ihrer Nachbarschaft sind Sperber und Habicht nur als Straßennamen vertreten, denn als Heimat haben sich die fünf einen Nadelbaum mitten auf dem Kirchheimer Schafhof auserkoren. Ihre zweibeinigen Mitbewohner sind ganz aus dem Häuschen: „Jeden Tag geht einem das Herz auf. Wir schauen immer: Sind sie noch da?“

Im vergangenen Sommer wurden die tierischen Untermieter schmerzlich vermisst, als sie eine viel zu lange Weile einfach verreist waren. Es gibt Waldohreulen, die den warmen Sommer in Skandinavien verbringen. Zum Glück kehrten die Baumbewohner mit den kälteren Temperaturen wieder auf den Schafhof zurück.

Zum ersten Mal zogen Waldohreulen dort vor etwa vier Jahren ein. Auf einer hohen Tanne inmitten des Wohngebiets ließ sich eine Eule damals nieder. Es muss ihr ziemlich gut gefallen haben, denn sie gründete eine Familie. Die kleinen Vögel taten sich zunächst etwas schwer mit dem Erwachsenwerden. Das Geschrei war groß, als die Eltern sie immer wieder aus dem Nest schubsten. Doch schließlich beugten sie sich der Natur, und schon bald flogen sie heulend und „schuhuend“ über den Schafhof, erinnern sich die Nachbarn.

Seitdem haben sie schon verschiedene Nadelbäume bewohnt. Nichts bringt sie hier aus der Ruhe. Sie fühlen sich wohl in dem naturbelassenen Garten, in dem das Laub auch mal liegen bleiben darf, ein Insektenhotel Käfer und Co. willkommen heißt, Vögel singen und Igel überwintern. Die kleine Oase ist ein Paradies für die junge Familie.

Damit das so bleibt, möchte die Nachbarschaft den genauen Ort geheim halten. Es herrscht ein großes Verantwortungsgefühl für „unsere Eulen“, wie sie die Jäger der Lüfte dort liebevoll nennen: „Wir akzeptieren uns gegenseitig. Sie holen sich ja nur zurück, was ihnen eigentlich zusteht.“

Ihre menschlichen Mitbewohner geben auch acht, dass die Hinterlassenschaften der Eulen nicht überhand nehmen: Ganz in der Tradition der schwäbischen Kehrwoche werden die Gewölle, eine unverdauliche Masse aus Knochen und Fell, regelmäßig vom Gehweg gefegt. Die Waldohreulen revanchieren sich, indem sie die Nachbarschaft mäusefrei halten. Es ist eine herzerwärmende Symbiose, die sich auf dem Schafhof ganz natürlich entwickelt hat.

Anzeige