Kirchheimer Umland

„Auf dem Spielfeld sind wir eins“

Bei „kicken und lesen“ sind erstmals Kinder aus der Flüchtlingsunterkunft dabei

Zum vierten Mal findet in Kirchheim das Projekt „kicken und lesen“ statt. Was neu ist: Diesmal sind auch Jungs aus der Flüchtlingsunterkunft dabei. Die Besten unter ihnen dürfen am Ende ins begehrte VfB-Camp – Doch dafür reichen nicht nur die Fähigkeiten auf dem Rasen.

Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim
Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim

Kirchheim. Der Frühstückssaal im Gemeindehaus auf dem Schafhof ist voll. Der Tisch ist noch gedeckt, aber auf den meisten Tellern sind nur noch ein paar Krümel. Mit gefüllten Bäuchen sitzen die elf Jungs auf ihren Stühlen und warten auf den nächsten Schritt. Abwartendes Gemurmel. Es ist Reflexionszeit – die Kids lassen den gestrigen Tag noch mal Revue passieren: Hab ich mich gut verhalten? Hab ich auch mitgelesen oder war ich nur für den Bolzplatz zu haben? Punkten kann nur, wer sich gut benimmt.

Aus Nürtingen und Kirchheim kommen die Kinder jeden Morgen ins Gemeindehaus. Wer sich nicht blicken lässt, muss am nächsten Tag zusehen, wie eine große Null neben seinen Namen geschrieben wird. Wer sich toll engagiert und zum Beispiel freiwillig den Tisch abdeckt, kann sogar Bonuspunkte einheimsen. Enthusiastisch diskutieren die Jungs über die Punkteverteilung und zeigen dabei ein beachtliches Maß an Fair Play. Luca findet, dass Marjo einen extra Punkt verdient hat: „Er schlägt gar nicht mehr.“ Ein anderer bewundert besonders Marjos Fußballkünste.

Lesefaule Jungs über den Fußball zum Buch bringen, lautet das Ziel des Projekts, das in Kirchheim von der Bruderhaus Diakonie, Tragwerk, dem VfL Kirchheim und dem Sozialen Dienst der Stadt getragen wird. In jeweils vier Phasen im Frühling und Sommer kommen die Jungs täglich auf den Schafhof und bringen nicht nur Körper, sondern auch die grauen Zellen in Schwung. „Das Projekt ist absichtlich nur für Jungs vorgesehen, denn die meisten würden alleine niemals auf die Idee kommen, ein Buch in die Hand zu nehmen“, erklärt Jugend- und Heimerzieher Ahmet ­Aksu. „Vielen fällt es sowieso schon schwer, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Mit Mädchen kommt dann auch noch der Machofaktor dazu“, ergänzt er schmunzelnd.

Die unterschiedlichen Sprachlevel der Jungs haben es den Teamern schon die letzten Male nicht leicht gemacht, alle Kids unter einen Hut zu kriegen. Diesmal ist die Situation nochmals erschwert: Einige der Teilnehmer sind erst vor ein paar Monaten ins Land gekommen. Sie stammen aus Palästina, Syrien, dem Kosovo, Ungarn, Italien, der Türkei und Tunesien und sprechen kaum ein Wort Deutsch. In den Lesestunden werden Gruppen gebildet, je nachdem, wie weit die Kinder schon sind. Helga Sieglin-Kohler gibt den ganz Neuen unter ihnen Deutschnachhilfe. „Ich bin ein gelber Fußball“, wiederholen die Jungs die Worte der Sprachlehrerin. Bei kicken und lesen verbindet Fußball nicht nur – er hilft offensichtlich auch beim Sprachenlernen.

Die Fördergelder von der Baden-Württemberg Stiftung für das Projekt zu kriegen, sei nicht leicht, erzählt Jugend- und Heimerzieher Ahmet Aksu über kicken und lesen: „Man muss das Rad jedes Jahr ein bisschen neu erfinden“. Die Gruppen bewerben sich jedes Jahr wieder. Angenommen wird nur, wer neue Ideen ins Spiel bringt. So entstand die Idee, die Flüchtlingsunterkunft miteinzubeziehen. Mit ihrem Konzept, durch den Fußball nicht nur die Lesefreude, sondern gleich auch die Integration anzukurbeln, sind die Kirchheimer noch allein auf weiter Flur – dafür aber erstaunlich erfolgreich: „Auf dem Spielfeld sind wir eins“, sagt Ahmet Aksu. Daran ändern auch die größten sprachlichen und kulturellen Unterschiede nichts. Kevin Beckers, ebenfalls Jugend- und Heimerzieher, führt den Gedanken weiter: „Die Kinder hier haben alle ein Päckchen zu tragen“, sagt der 22-Jährige. „Und dann treffen hier Welten und unterschiedlichste Religionen aufeinander, und trotzdem können wir an einem Tisch sitzen und alle zusammen frühstücken.“ Von Grüppchenbildung ist weder auf dem Rasen noch beim Lesen etwas zu spüren – obwohl einige der Kinder dieselbe Muttersprache sprechen.

Der 22-Jährige begleitet das Projekt schon seit Jahren. „Manchmal werde ich heute noch von 18-Jährigen angesprochen, die mir sagen: Hey, das war echt cool damals!“ Die positive Resonanz auf das Projekt sei riesig. Trotzdem, oder gerade deshalb, darf jeder nur einmal mitmachen. Die Nachricht an die Jungs soll vor allem eine sein: „Wenn es jemand beim VfB schafft, dann nur mit entsprechenden Schulnoten.“ So muss auch der coolste Knipser für das begehrte VfB-Camp mal ein Buch in die Hand nehmen.

Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim
Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim
Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim
Projekt "Kicken und Lesen" auf dem Kunstrasen vom VfL Kirchheim
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