Kirchheimer Umland

Auf der Suche nach dem verlorenen Zins

Finanzen Info-Abend der Volksbank zu Niedrigzins und Spargewohnheiten. Zahlen und Fakten sprechen für ein Umdenken – „Dividende ist der neue Zins“. Von Günter Kahlert

Auf der Suche nach dem verlorenen Zins
Auf der Suche nach dem verlorenen Zins

Preisfrage: Wie lange dauert es bei den derzeitigen Zinsen von 0,1 Prozent aufs Sparbuch, bis sich 10 000 Euro durch Zins und Zinseszins verdoppelt haben? Die Antwort ist für Sparer absolut frustrierend: 720 Jahre. Mit solchen plakativen Beispielen machte Jürgen Stiletto, Landesdirektor der Union Investment, bei der Volksbank-Veranstaltung „Kultur und Finanzen“ in der Kirchheimer Stadthalle den Besuchern die aktuelle Zins-Misere klar. Die Frage was ist zu tun als Sparer und Anleger, durchzieht diesen Abend als roter Faden.

Wolfgang Mauch, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Kirchheim-Nürtingen betont vor allem die Stabilität des gesamten Verbandes der Volksbanken und Raiffeisenbanken. „Da wir eine Genossenschaft sind, arbeiten wir ausschließlich im Sinne unserer Mitglieder. Ihnen gehört letztlich die Volksbank.“ Dass es wie bei den klassischen Großbanken keine Aktionäre gibt, die Ertrag oder Dividenden einfordern, sieht Wolfgang Mauch als klaren Vorteil, zumal in den turbulenten Zeiten der Finanzmärkte. Und er nennt Beispiele. So brauchten die Volksbanken in der Finanzkrise nach 2008 als einzige keine Staatshilfe und die Bonitäts-Bewertung einer der weltgrößten Ratingagenturen „Standard & Poor‘s“ liegt nur ganz knapp unter dem absoluten Bestwert.

An der miserablen Verzinsung für Sparguthaben kann allerdings auch die Volksbank nichts ändern. Und für die Zukunft macht Wolfgang Mauch den Mitgliedern und Besuchern in der voll besetzten Stadthalle keine Hoffnung: „Man kann nicht davon ausgehen, dass die Niedrigzinsphase kurzfristig aufhört. Das ist politisch gewollt.“ Das Sagen hat ganz klar die Europäische Zentralbank (EZB), und so kommt die „große Politik“ immer wieder im Lokalen an, betrifft auch noch die kleinste Spareinlage.

Ein weiteres zentrales Thema ist für Wolfgang Mauch die Digitalisierung: „Wir kommunizieren längst mit unseren Kunden über Internet, Apps und Facebook. Einfache Dienstleistungen werden immer mehr vom Kunden selbst online abgewickelt.“ Im Experimentierstadium befindet sich „Robo-­Advice“, also Kundenkommunikation per künstlicher Intelligenz. Das erhöht durch schnellen Zugriff auf alle Informationen letztlich die Qualität, ersetzt nach Wolfgang Mauchs Überzeugung aber nicht die Beratung. „In der Regel ist man nicht in der Lage, selbst die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, weil man die Zusammenhänge nicht kennt.“

Obwohl immer mehr Kunden sich vorher im Internet gründlich informieren, steigt die Zahl der Beratungstermine stetig an: Zehn Prozent waren es allein innerhalb der letzten zwölf Monate. Nach Einschätzung des Volksbank-Chefs hängt das auch mit dem Umfeld zusammen, denn die meisten Kunden sind immer noch geprägt davon, dass der Zins eigentlich der Ertrag ist. „Und das findet so nicht mehr statt“, skizziert er das für die klassischen Sparer wenig erfreuliche Zukunfts-Szenario.

Und hier knüpft Jürgen Stiletto direkt an. Der Landesdirektor der Union Investment zeigt anhand seiner Charts, wie die Entwicklung der letzten Jahre war. Vor allem behandelt er die Psyche der deutschen Sparer: „Die Deutschen setzen vor allem auf Zinsanlagen, das unterscheidet uns von vielen anderen Ländern auf dieser Welt.“ Er appelliert an ein Umdenken, „Dividende ist der neue Zins“, lautet der griffige Spruch. Er zeigt anhand von Grafiken die Entwicklung der Aktienmärkte. Langfristig geht die Kurve stetig nach oben, auch wenn es immer wieder Einbrüche gibt. Genau diese auf lange Sicht angelegte Denkweise versucht Jürgen Stiletto seinen Zuhörern zu vermitteln. „Wer nur ein Jahr in Aktien investiert, ist ein Spekulant. Das hat mit Sparen nichts zu tun.“ Er plädiert für längere Zeiträume, fünf Jahre oder mehr, und damit meint er durchaus auch die kleineren Sparbeträge von 50 oder 100 Euro im Monat. Sparer und Anleger sollten auf Risikostreuung durch Aktienfonds setzen, einer „sauberen Mischung“ von vielen Unternehmen. Nur auf ein Pferd zu setzen, hält der Finanzfachmann für hoch riskant.

Bei all den Zahlen gab es auch noch den Teil „Kultur“. Zwei Mal trat Fabian Schläper mit der Pianistin Iris Kuhn auf, ein vergnüglich-witziges Chanson-Kabarett, das die Besucher inmitten der Charts, Grafiken und Zahlen durchschnaufen ließ.

Jürgen Stiletto kümmerte sich in der Stadthalle um die Infos zur cleveren Spar- und Anlagestrategie.Fotos: Günter Kahlert
Jürgen Stiletto kümmerte sich in der Stadthalle um die Infos zur cleveren Spar- und Anlagestrategie.Fotos: Günter Kahlert

Drei Fragen an den Vorstandschef Wolfgang Mauch

Wo findet denn die Volksbank den Zins?

Wir haben hier in der Gegend ein gutes Kreditgeschäft, wir haben ein gutes Firmenkundengeschäft und auch die private Wohnbaufinanzierung. Aber es ist natürlich so, dass auch die Zinsen für die Bank deutlich nach unten gehen. Die Herausforderung ist jetzt, im Kundengeschäft diese Ertragslage zu halten, so weit das möglich ist.

Wie wichtig ist Beratung noch in Zeiten des Internets?

Beratung ist sehr wichtig. Wenn es um einfache Themen geht wie Überweisungen oder Umbuchungen auf ein Geldmarktkonto, da braucht der Kunde keine Beratung. Wenn es aber um Dinge geht wie Geldanlage, Wohnbaufinanzierung, persönliche Absicherung oder Altersvorsorge, sind die meisten, auch die jungen Menschen, überfordert. Ohne Beratung geht das nicht.

Vertrauen – ein viel strapazierter Begriff. Was bedeutet er für Sie?

Vertrauen bedeutet, dass wir trotz aller Veränderungen dem Kunden nichts empfehlen und nichts anbieten, von dem wir nicht selbst überzeugt sind. Und wo wir nicht nachhaltig auch nach bestem Wissen und Gewissen sicherstellen können, dass es für den Kunden das Beste und das Richtige ist.

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