Kirchheimer Umland

Auf verschlungenen Pfaden zur Millionärin

Theater Württembergische Landesbühne begeistert mit Anna Wimschneiders „Herbstmilch“.

Kirchheim. Es liest sich beeindruckend, was Anna Wimschneider in ihren Lebenserinnerungen „Herbstmilch“ erzählt: 1919 in einem niederbayrischen Dorf geboren, muss sie nach dem Tod ihrer Mutter im Alter von acht Jahren den Haushalt übernehmen. Sie versorgt den Vater und sieben Geschwister, putzt, wäscht und kümmert sich zusätzlich noch um das Vieh. Mit 22 Jahren heiratet sie trotz massiver Widerstände den Bauernsohn Albert, der aber schon elf Tage später in den Krieg ziehen muss.

Ihre dienende Funktion geht im Haushalt des Ehemannes weiter. Da gibt es neben der Landwirtschaft eine untätige Schwiegermutter sowie drei pflegebedürftige Verwandte zu betreuen. Darüber hinaus kommt der Mann schwer verwundet aus dem Krieg zurück.

Erstaunlich, dass Anna Wimschneider noch in der Lage war, trotz der mangelnden Schulbildung ihre Lebenserinnerungen zu schreiben, die auf verschlungenen Pfaden zum Piper-Verlag gelangten und dort überarbeitet 1984 erschienen. Der riesige Erfolg führte fünf Jahre später zu einer Verfilmung. Anna Wimschneider wurde zur Millionärin, behielt aber ihren Lebensstil bei.

Man fragt sich, wie solch ein Stoff auf einer Bühne präsentiert werden kann. Der Württembergischen Landesbühne ist das in der Kirchheimer Stadthalle gelungen: Sabine Bräuning, als Schauspielerin eine Leistungsträgerin des Ensembles, hat die Textfassung geschultert und Regie geführt. Das Personal besteht aus zwei Frauen, einer älteren in braunem Kostüm, die jüngere in hellem, stoffreichem Bauernkleid. Als Requisiten sind nur zwei Stühle und eine Tasche mit Wäsche im Einsatz.

Die beiden Darstellerinnen beginnen vor der Andeutung eines Bauernhauses als Kulisse eine szenische Erzählung. Sie erzählen und spielen in schnellen Wechseln.

Der Effekt des Erzählens

In aller Schärfe werden die gesellschaftlichen Probleme der damaligen Zeit angesprochen: das traditionelle Bild der Frau, die tiefe Religiosität, das Versagen der Vertreter dieser Religion und die brutale Prügelpädagogik. Auch die Zeitgeschichte spielt mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle.

Aber geht bei den Erzählungen nicht die Anschaulichkeit verloren, die der Film, der erst kürzlich im Fernsehen gezeigt wurde, so prall vermittelt? Nicht unbedingt. Es stellt sich der Effekt des Erzählens ein: Auf der Fantasiebühne können ganz individuelle Bilder entstehen, die durchaus reichhaltiger sind als in einem Film. Damit das gelingt, ist perfekte Schauspielkunst die Voraussetzung. Die beiden Schauspielerinnen sind der Aufgabe jedenfalls gewachsen.

Zum Schluss geschieht ein harter Handlungsschnitt. Die prominente Anna Wimschneider wird in einem Filmausschnitt einer tatsächlich stattgefundenen Talkshow vorgeführt - sogar mit einer Kostprobe ihrer Originalstimme. Die Zuschauer erfahren, dass sie drei Töchter hatte, die jetzt in der Stadt tätig sind. Eine sogar als Krankenschwester, Anna Wimschneiders eigentlichem Wunschberuf. Das Ergebnis dieses kurzen, mit kargen Mitteln ausgestatteten Theaters: Begeisterung im gut gefüllten Zuschauerraum, die sich sogar zu ungewöhnlichen Bravo-Rufen steigerte.Ulrich Staehle

Anzeige