Kirchheimer Umland

Aus historischem Stoff etwas Tragbares machen

Designerin Dagmar Wiebusch schneidert aus teils über 100 Jahre alten Leinenstoffen neue Kleidung

Aus historischem Stoff 
etwas Tragbares machen
Aus historischem Stoff 
etwas Tragbares machen

Geblüht im Sommerwinde, gebleicht auf grüner Au. Liegt still es jetzt im Spinde, als Stolz der deutschen Frau.“ Dieser beliebte Spruch, der gestickt auf ein Stück

Stoff ursprünglich an einer Schrankborte angebracht war – eine Zeile pro Fach – beschreibt die Herkunft und Herstellung des Leinenstoffs. In vielen mühsamen Arbeitsschritten wurde aus dem Flachs zunächst die Faser gewonnen, diese dann versponnen und anschließend verwebt.

Im Atelier von Dagmar Wiebusch in der Kirchheimer Flachsstraße 3 liegt ein alter Stoff mit dem bekannten Sprüchlein im Holzregal. Worin die Designerin heute ihre unterschiedlichen Leinenstoffe lagert, warteten früher frische Brote auf die Kunden. „Das Regal stand bereits in meinem ursprünglichen Laden in der Dreikönigstraße, der zuvor eine Bäckerei war.“ Schon in der Umnutzung dieses Möbelstücks zeigt sich Wiebuschs Kreativität und das Faible, aus alten Dingen etwas Neues zu schaffen. Die Kirchheimer Modemacherin hat sich dabei auf die Arbeit mit alten Leinenstoffen spezialisiert. Bis zu 120 Jahre alt sind die Stoffe, die sie verwendet. Aus ihnen entstehen in Handarbeit Kleider, Röcke, Oberteile und Jacken für Frauen – aber auch Taschen, Hüte, Kulturbeutel und sonstige Accessoires. Jedes Stück für sich ein Unikat. Die Stoffe stammen von alten Leinensäcken, von ursprünglicher Bettwäsche, Handtüchern, Tischdecken oder auch Meterware. „Wilhelm Schmid, Schlierbach 1878“ steht auf einem der alten Getreidesäcke im Atelier, zusätzlich ist die Nummer 7 aufgedruckt: „Das bedeutet, dass Wilhelm Schmid insgesamt mindestens sieben Säcke besaß, die er mit Korn füllen konnte. Er war also recht reich für damalige Zeiten“, erklärt Dagmar Wiebusch, die sich ausgiebig mit der Historie des Leinen beschäftigt hat. So wurden die Säcke früher mit Namen und teils auch dem Beruf des Eigentümers bedruckt, damit auch jeder seinen Sack wieder zurückbekam, etwa nach der Ablieferung des Getreides in der Mühle, erzählt Wiebusch.

Heute fertigt sie aus der Geschichte etwas Tragbares, haucht ihr neues Leben ein. Eine Sammelleidenschaft für alte Dinge habe sie bereits als Jugendliche gehabt, erzählt Dagmar Wiebusch: „Ich war schon zu Schulzeiten regelmäßig beim Trödler.“

So keimte auch das Interesse für die alten Stoffe früh in ihr. Nach dem Abitur reiste sie mit einer Freundin nach Mailand, „dort sahen wir, wie Schneider aus alten Brokat- und Baumwollstoffen neue Kleidung nähten. Erst mit fast 40 Jahren habe ich dann selbst diese Idee mit Leinen umgesetzt“, erinnert sich die studierte Grafik-Designerin, die 1995 ihr erstes Schneider-Atelier eröffnete. Ihre Mutter sei Schneiderin gewesen, so habe sie sich das Wissen und die Fertigkeiten schon zu Jugendzeiten nach und nach angeeignet. „Zunächst habe ich mit ganz normalen Stoffen genäht, ab 1989 habe ich dann auch mit Leder gearbeitet. Erst 1994 habe ich dann begonnen, mit den alten Leinenstoffen zu experimentieren.“ Anfangs suchte sich Dagmar Wiebusch ihr Material auf den Dachböden und in Truhen der Nachbarschaft oder den Dörfern rund um Göppingen zusammen, bestellte beim Antiquitätenhändler oder inserierte im Sammlerjournal. So fand sich einiges an alten Leinenstoffen, die die Leute häufig geerbt und dann aufbewahrt hatten.

„Leinen war früher ein sehr kostbares Material. Wenn da etwas kaputt ging, wurde jedes einzelne Loch geflickt. Das sieht man heute beispielsweise an den alten Getreidesäcken“, so Wiebusch. Teils wechselten diese über die Jahre die Besitzer, dann wurde auch der Aufdruck entsprechend aktualisiert: So liest man auf einem der Säcke bereits etwas verblichen den Namen Jakob Geiger, Aichelberg 1863. Noch deutlicher ist da der zweite Aufdruck, der Wilhelm Simon aus Hepsisau 1892 als neuen Besitzer des Leinensacks ausweist. Heute hängt er an der Wand hinter dem großen Schneidertisch in Dagmar Wiebuschs Atelier.

Am Samstag, 18. Juni, wird ab 10 Uhr im Atelier Wiebusch in der Flachsstraße 3 das 20-jährige Bestehen gefeiert. Dort kann man sich die Leinen-Unikate dann einmal ganz genau anschauen.

www.wiebusch-leinen.de

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