Kirchheimer Umland

Besser ein Projekt als langsame Politik

Gesellschaft „Jugendbeteiligung 2.0“ hieß ein Fachgespräch, zu dem SPD-Urgestein Andreas Kenner Experten nach Kirchheim eingeladen hat. Die Gäste hörten Ernüchterndes, aber auch eine Erfolgsstory. Von Thomas Zapp

Unter Einbeziehung des Beteiligungsprojekts „Be part“ ist vor rund eineinhalb Jahren im Mehrgenerationenhaus Linde der Kirchheim
Unter Einbeziehung des Beteiligungsprojekts „Be part“ ist vor rund eineinhalb Jahren im Mehrgenerationenhaus Linde der Kirchheimer Bikepark geplant worden. Archiv-Bild: Markus Brändli

Als Erfolgsgeschichte kann man die Jugendgemeinderäte im Landkreis nicht wirklich bezeichnen: Fünf oder sechs gibt es aktuell, da ist sich Angelika Barth von der Landeszentrale für politische Bildung nicht ganz sicher. Auch in Kirchheim gab es mal einen, aber das Experiment überdauerte knappe zehn Jahre, bevor es 2003 wegen zu geringer Wahlbeteiligung eingestellt wurde. Auch das Nachfolgegremium Jugendrat hatte eine recht kurze Lebenszeit.

Andreas Kenner weiß das nur zu gut. Schließlich ist der 63-Jährige nicht nur langjähriger Gemeinderat im Kirchheimer Rathaus, sondern auch jugendpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Er gilt als Befürworter einer Senkung des Wahlalters auf 16. „Als potenzielle Wähler bekommen die Belange der jungen Leute mehr Gewicht“, sagt er beim Fachgespräch „Jugendbeteiligung 2.0“ im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim.

Dass es aber gar nicht so einfach ist, Jugendliche für die aktive Arbeit in der Politik oder Gemeinde zu begeistern, stellen mehrere Besucher und Referenten des Abends fest, wie eben Angelika Barth oder Michael Medla, Vorsitzender des Kreisjugendrings Esslingen. Dabei hat das Land Baden-Württemberg seit Ende 2015 die Kinder- und Jugendbeteiligung im Paragraphen 41 a festgelegt. Allerdings mit der Einschränkung, dass die Beteiligung sich auf Belange bezieht, die ihre „Interessen berührt“. Barth fragte in die Runde, ob das dann nur Basketballkörbe beträfe oder vielleicht auch das Neubaugebiet. „Das betrifft ja auch die Lebenssituation der Kinder“, sagt sie. So einfach ist es also nicht mit den gesetzlichen Verordnungen und deren Umsetzungen. Mit einmaligen Befragungen sei es aber nicht getan, denn oftmals brauchen Themen bei Jugendlichen etwas Zeit. „Bleiben Sie daran, es kann sich lohnen“, sagt sie.

In der späteren Diskussion mit Jugendarbeitern arbeitet Kreisjugendring-Vorsitzender Michael Medla die Ursachen für mangelnde Kinder- und Jugendbeteiligung aus: Fehlende Zeit und schnelle Frustration. „Die Früchte der Arbeit bekommen sie oftmals nicht mehr mit“, sagt Andreas Kenner. Gerade in der Verwaltung dauerten Entscheidungen und Umsetzungen länger. Da seien viele schnell frustriert. Auf der anderen Seite liegt es aber auch an den Gemeindegremien. Das hat Angelika Barth im Rahmen einer Erhebung herausgefunden. „Wenn es vom Bürgermeister oder der Bürgermeisterin heißt, ,die können ja kommen, die Tür steht immer offen‘, macht man es sich zu einfach“, sagt sie. Außerdem sei es wichtig, dass die Anliegen, so sie einmal kommen, nicht im Sande verlaufen.

Welt nicht den „Alten“ überlassen

Dass die Beteiligung junger Menschen an der Gestaltung des Gemeinwesens manchmal besser funktioniert, wenn sie gerade nicht formalisiert und institutionalisiert ist, zeigt das Kirchheimer Projekt „Be Part“, das sich am Informationsabend ebenfalls vorstellt. Hier kümmert sich ein Kernteam um verschiedene Projekte, an denen viele Teilnehmer zeitweise, also projektbezogen, mitarbeiten. Das hat sich vor allem bei dem Kirchheimer Bikepark gezeigt, der als Vorzeigeprojekt von „Be Part“ gilt. Hier wurde ein eigentlich gestorbenes Projekt erfolgreich wiederbelebt und wird heute mit Leidenschaft von Jugendlichen instandgehalten. Nadine Büse von „Be Part“ ist stolz auf die bunte Mischung. „Beim Bildungsgrad sind wir breit aufgestellt Wir haben auch Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist aus einer Beziehungsarbeit entstanden, die sind nicht gewählt worden“, sagt sie.

Es gibt Ansätze, die Hoffnung machen. Schließlich geht es im Hinblick auf künftige Generationen um die Stärkung der Demokratie, die Michael Medla zunehmend unter Druck sieht und in einem Systemstreit mit Diktaturen. „Langsame Kompromiss- prozesse“ stehen dynamischen Entwicklungen etwa in China gegenüber. Das gelte es aber zu verteidigen und das muss man lernen. Den Appell von Polit-Urgestein Andreas Kenner sollten sich die Jugendlichen ins Smartphone tippen: „Ihr dürft die Welt nicht den Alten überlassen.“

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