Kirchheimer Umland

​Bleiben ist die einzige Option

Freude am Tag des Flüchtlings: Nach 15 Monaten dürfen die Eritreer Arbeit suchen

In Dettingen kümmern sich rund 30 Ehrenamtliche um die 62 Flüchtlinge im Ort – mit verblüffendem Erfolg. Vier Eritreer haben schon im September eine Ausbildung begonnen. Viele Andere haben Jobs in Schulen oder Kirchen. Die nächste Mission lautet: Wohnungen finden.

In Dettingen findet zum ersten Mal der „Tag des Flüchtlings“ statt. Mit Plakaten machen die Flüchtlinge auf ihre Situation aufme
In Dettingen findet zum ersten Mal der „Tag des Flüchtlings“ statt. Mit Plakaten machen die Flüchtlinge auf ihre Situation aufmerksam: Statt fünf bis sechs Monate warten sie schon fast 16.Fotos: Jörg Bächle

Dettingen. Zum Tag des Flüchtlings ist der Dettinger Rathausplatz feierlich geschmückt. Zwischen gespendeten Kuchen und Teilchen und dem Café-Mobil der Diakonie sind einige Bierbänke aufgestellt. Am Rand stehen bunte Plakate mit den Geschichten der Dettinger Schützlinge, einigen Fotos und Informationen zum Asylverfahren.

Der Tag des Flüchtlings wird in Dettingen zum ersten Mal gefeiert. Und die Ehrenamtlichen haben in einer nervenaufreibenden Zeit vor allem eins: Grund zur Freude. Rund 15 Monate, nachdem die ersten Flüchtlinge in der Gemeinde Unterschlupf gefunden haben, sei die „schwerste Phase“, wie Ursula Raichle vom AK Asyl sagt, geschafft. Die Frist, in der sich Flüchtlinge keine Arbeitsstelle suchen können, ist endlich vorüber.

„Sprache und Arbeit sind für die Integration sehr wichtig, um in einem fremden Land Fuß fassen zu können“, betont die Zuständige für „Arbeit und Praktika“ beim Dettinger AK Asyl. Außer den fünf Flüchtlingen, die noch in die Schule gehen, haben fast alle eritreischen Flüchtlinge Praktika oder Ein-Euro-Jobs in Kirche oder Schulen bekommen. So konnten sie Kontakte knüpfen und die anderen würden merken, „dass das eigentlich auch ganz nette Jungs sind.“ Für andere Stellen sei es aber stets schwierig gewesen, eine Genehmigung von der Agentur für Arbeit zu erhalten.

Das hat sich im August geändert: Nach 15 Monaten Aufenthalt können sich die Flüchtlinge eigenständig Arbeit suchen. Vier haben bereits eine Ausbildung begonnen. Die restlichen 16 haben Plätze in Sprachkursen des Landtags bekommen, in denen sie auf den Ausbildungsstart 2016 vorbereitet werden.

Das Programm wurde initiiert, um mehr Flüchtlingen einen schnellen Zugang zu einer Arbeitsstelle zu ermöglichen. So haben sich die Deutsche Angestellten-Akademie in Kirchheim, die Arbeitsagentur, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer und der Landkreis Esslingen zusammengeschlossen. Beteiligte Unternehmen sollen Flüchtlinge zunächst für vier- bis sechswöchige, unbezahlte Praktika aufnehmen. „Die Praktika sind zeitlich begrenzt, damit keiner ausgenutzt wird“, erklärt Raichle.

Klappt die Zusammenarbeit und die Flüchtlinge schlagen sich gut bei der Arbeit, werden sie danach übernommen. Um den Mehraufwand für Unternehmen wegen sprachlicher Schwierigkeiten auszubügeln, kriegen die Firmen dafür einen Zuschuss vom Landkreis. Für das Projekt gibt es 140 freie Plätze. 400 Menschen haben sich bereits beworben.

Während die Fündigen fleißig Arbeitserfahrungen im neuen Land sammeln, bringen die Vorbereitungen für die Suchenden auch die Ehrenamtlichen auf Hochtouren: Für die Bewerbungen müssen die Bildungsabschlüsse der Flüchtlinge offiziell bewertet oder anerkannt werden. „Die High-School-Abschlüsse werden mit deutschen Realschulabschlüssen gleichgestellt.“, weiß Ursula Raichle. Und damit stehen, nachdem der Notar alles abgesegnet hat, den jungen Männern viele Türen offen. Außerdem soll für die Zukunft wiederhergestellt werden, was im Chaos der Flucht vielleicht in Vergessenheit geraten ist: der eigene Lebenslauf.

Trotz neuer, gewonner Freiheit haben die vergangenen 15 Monate in Deutschland für die Eritreer auch einen bitteren Beigeschmack. Denn ihre Asylverfahren laufen immer noch. Die meisten wurden noch nicht einmal angehört. Dabei ist das Bleiberecht für Eritreer eigentlich gesichert. „Wenn die vor dem Militär in Eritrea geflohen sind, können sie nicht wieder zurück“, erklärt Ursula Raichle: „Dann gelten sie als Deserteure.“ Auch darauf wollen die Ehrenamtlichen am Dettinger „Tag des Flüchtlings“ aufmerksam machen.

Wohnungen gesucht

Nach spätestens zwei Jahren in der Erstunterbringung oder wenn sie Asyl bekommen haben, sollen die Flüchtlinge raus aus den Unterkünften – rein in die sogenannte Anschlussunterbringung. Dafür sucht der AK Asyl dringend Wohnungen in Dettingen und Umgebung. Wenn die Flüchtlinge nämlich auf dem freien Wohnungsmarkt nicht fündig werden, wird ihnen eine Unterkunft vermittelt – unter Umständen auch in einem anderen Ort. Ursula Raichle möchte das verhindern: „Für diejenigen, die hier schon Arbeit haben, wäre das sehr schwierig. Und es gibt hier ja Leerstand.“ Außerdem würden die Flüchtlinge auch in der Anschlussunterbringung weiter unterstützt und betreut werden. Die Unterkünfte können quasi alles sein: Ein Bett in einer WG, eine eigene Mietwohnungen oder ein Zimmer bei einer Familie. „Natürlich helfen die Jungs auch im Haushalt oder bei der Gartenarbeit“, fügt Raichle hinzu. Und ein Plakat ergänzt: „Kehrwoche ist für uns kein Problem!“mona

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