Kirchheimer Umland

Braucht der Glaube von heute noch Wunder?

Vortrag Zum Jubiläum sprach Juliane Baur über das Staunen und das, was die Grenzen des Denkens sprengt.

Kirchheim. Für die Festrede zum Thema „Glaube und Wunder“ kehrte die Schorndorfer Dekanin Dr. Juliane Baur, früher Pfarrerin an der Kirchheimer Christuskirche, nach Kirchheim zurück. Im aktuellen amerikanischen Film „Wonder“ über einen Jungen namens Auggie, der aufgrund eines Gendefektes ein stark entstelltes Gesicht hat, sei mit „Wonder“ das Staunen über ein Ereignis oder eine Entwicklung gemeint. Im Deutschen sei „Wunder“ eher etwas, was menschliche Vorstellungen und Fähigkeiten übersteige.

In der Alltagssprache bezeichnen Wunder „alles, was zum Staunen anregen soll, zum Nachdenken oder zur Dankbarkeit“. Man spreche vom Wunder des Lebens, vom Wunder der Schöpfung und vom Wunder der Liebe. Auf der anderen Seite gebe es eine rationale Abwehr gegen Wunder, weil sie nicht in eine vernünftige Sicht auf die Welt passten. Unerklärlichkeiten seien für viele einfach noch nicht gründlich genug erforscht. Die Geisteswissenschaften und vor allem die Philosophie versuchten hingegen, mit der Erkenntnis klarzukommen, dass dem Denken nicht alles möglich ist. „Wir verstehen eben nicht, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, auch wenn wir uns seit Jahrtausenden so sehr darum bemühen.“ So besteht eine „Sehnsucht nach Erfahrungen, die über das Eigene hinausgehen“, eine Sehnsucht nach Transzendenz. „In der Volksfrömmigkeit ist sehr viel von Wundern die Rede. Da werden Fantasie­welten voller magischer Wesen und Zaubereien erfunden, die helfen, die eigenen Erfahrungen von Gut und Böse einzuordnen oder der eigenen Lebenswelt zu entfliehen.“

Wie jemand die Wunder in den Evangelien versteht, hängt von den Grundentscheidungen ab, mit denen er die Texte liest. Wer denkt „es kann keine Wunder geben, alles muss irgendwie erklärbar sein“, dem bleibt kaum etwas anderes übrig, als die von oder über Jesus erzählten Wunder in ethische Anweisungen umzuformen. Hat Jesu Speisung der 5 000 nur funktioniert, weil die Menschen ihre zuvor versteckten eigenen Vorräte herausgeholt und geteilt haben? „Solche ethisch motivierten Deutungen sind nicht prinzipiell falsch, aber nicht das, worauf die Wundererzählungen eigentlich zielen, nämlich auf den Glauben.“ Sie seien Geschichten, die „über unsere Realität hinaus mit Gottes Möglichkeiten rechnen“.

Brauchen wir Wunder? Für Dekanin Juliane Baur nicht im Sinne eines „deus ex machina“, eines Gottes aus der Theatermaschine, der plötzlich auftauche, alles regle und einem die Verantwortung abnimmt. Aber im Sinn eines Zugangs zu Gott und seiner Wirklichkeit, seiner ganz anderen Perspektive auf die Welt und seine Menschen. Aber: „Wir haben die Wunder nicht in der Hand. Sie lassen sich nicht vereinnahmen, berechnen, erzwingen. Anders gesagt: Gott ist frei, bleibt frei, muss frei bleiben.“Peter Dietrich

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