Kirchheimer Umland

„Dann wäre ich ins Meer gesprungen“

Abschiebungen Das Kirchheimer Containerdorf leert sich. Vor zwei Jahren lebten dort über 100 Menschen. Jetzt sind es noch 49. Einige haben Wohnungen in der Stadt gefunden. Ein anderer Teil muss gehen. Von Mona Beyer

Symbolbild

Es wird einsam um Pa Modou. Lange hat er sich sein Zimmer, 15 Quadratmeter, mit zwei anderen geteilt. Jetzt ist er allein, hat den Platz, den er zwei Jahre lang vermisst hat. Er sitzt auf seinem Bett, der Ventilator rotiert. Er streckt die Beine aus. Freude? Er blickt zu Boden, ein Daumen drückt auf den anderen, das Bein wippt. Er hat Angst.

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Pa Modou ist einer der ehemals 115 Asylbewerber, die im April 2015 in die Containerunterkunft in der Dettinger Straße in Kirchheim gezogen sind. 115 junge Männer aus Gambia, Nigeria, Syrien und Pakistan. Vor einigen Wochen hat Pa Modou Post bekommen, seinen Abschiebebescheid. Seitdem lebt er in Ungewissheit. Er hat sich einen Anwalt gesucht, hat Klage eingereicht, hofft zumindest auf ein bisschen mehr Zeit in Deutschland. Seine Chancen stehen schlecht. Er hat keinen anerkannten Fluchtgrund. In Gambia herrscht weder Krieg noch eine humanitäre Katastrophe. Präsident Yahya Jammeh, ein Mann, der Schwule wahllos einsperrt und jeden anderen, der ihm widerspricht, wurde vor ein paar Monaten abgewählt. Dann ist er mit Millionen US-Dollars verschwunden. Jetzt blicken die afrikanischen Nachbarn neugierig darauf, was in dem kleinen Land am Gambia-Fluss passiert. Adama Barrow, der neue Mann an der Spitze, gibt vielen Hoffnung. Andere sagen, er sei zu weich, um über Gambia zu herrschen. In die Zukunft sehen kann niemand. Auch Pa Modou nicht.

Pa Modou ist seit 2015 in Kirchheim. Jetzt soll er abgeschoben werden.
Pa Modou ist seit 2015 in Kirchheim. Jetzt soll er abgeschoben werden. Foto: Mirko Lehnen

Steht am nächsten Tag die Polizei vor der Tür? Wahrscheinlich nicht. Sobald die Klage eingereicht ist, ist das Rad erstmal gestoppt. Im Hintergrund arbeiten Anwälte, Gerichte, Behörden. Davon kriegen die Asylbewerber wenig mit. Sie können nur warten, ihren Alltag fortsetzen. „Die Polizei steht nicht innerhalb weniger Tage vor der Tür, sondern erst, wenn die Entscheidung klar ist“, sagt Jutta Woditsch von der AWO, zuständig für die Flüchtlingsbetreuung in Kirchheim. Im Landkreis Esslingen wurden in diesem Jahr erst 27 Menschen abgeschoben. 51 sind freiwillig zurückgekehrt, bevor sie mit Gewalt weggebracht wurden. Pa Modou kennt noch eine andere Geschichte: Als die Beamten eines Nachts um vier einen Bekannten aus dem Schlaf rissen, um ihn mitzunehmen, ist er weggerannt. Er war schneller.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag

Pa Modou ist nicht der einzige seiner Mitbewohner, der in den letzten Monaten ein Schreiben vom BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, erhalten hat. Wie ein Damoklesschwert schwebt die drohende Abschiebung über fast allen, die noch in der Dettinger Straße wohnen. Nahezu alle haben den Bescheid schon bekommen. Die anderen wissen, dass er bald kommt. „Das Bundesamt holt extrem auf“, weiß AWO-Mitarbeiterin Jutta Woditsch. Zwei Jahre lang ist fast nichts passiert, jetzt geht es Schlag auf Schlag. Für die Entscheidungen hat die Geschwindigkeit nicht immer gute Auswirkungen. „Oft leidet die Qualität“, sagt Jutta Woditsch. Nicht alle Fälle würden mit der notwendigen Sorgfalt bearbeitet.

Pa Modou schläft seit Wochen schlecht. Seine Mutter in Gambia versteht nicht, was da passiert. Er arbeitet doch in einer Kirchheimer Metzgerei, verdient sein Geld zumindest zum Teil selbst. Stellt er sich vor, zurück in Gambia zu sein, wird er ratlos. „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Sein Zuhause ist das Containerdorf in Kirchheim. Dort geht es vielen so.
Sein Zuhause ist das Containerdorf in Kirchheim. Dort geht es vielen so. Foto: Mirko Lehnen

Der Gambier ist in Süd-Italien angekommen. Er gehört zu den Flüchtlingen, die dort 2015 keine Fingerabdrücke hinterlassen haben. Niemand habe ihn dort danach gefragt, sagt er. Als erstes wurde er in Deutschland registriert. Damals war das - aus seiner Perspektive - ein Glücksfall. Heute hat sich der Wind gedreht. Anders als andere würde er nicht einfach nach Italien zurückgeschickt. Es ginge zurück nach Gambia. In nicht einmal zwölf Stunden Flugzeit wäre er wieder in dem Land, das er vor zwei Jahren um den Preis einer monatelangen Reise, einer lebensgefährlichen Fahrt auf einem maroden Boot und der Ahnung, seine Familie nie wieder zu sehen, verlassen hat. Wenn er das erzählt, lacht er ein wenig resigniert. Die Ohnmacht der letzten zwei Jahre scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

900 Flüchtlinge im Puffer

Für das Esslinger Landratsamt, so krass es klingt, bedeutet jeder Flüchtling weniger derzeit Entlastung. 900 Flüchtlinge, die eigentlich längst von den Kommunen in Wohnungen hätten untergebracht werden sollen, hält der Landkreis im Puffer. Die Kommunen kommen nicht hinterher, erfüllen die Forderungen des Landkreises nicht - dazu gehört auch Kirchheim. Drei Unterkünfte für die Anschlussunterbringung sind derzeit im Bau, aber nicht bezugsfertig - im Hafenkäs, auf der Klosterwiese und in Jesingen. Ab kommendem Jahr haben Asylbewerber Anspruch auf sieben Quadratmeter Wohnraum, jetzt sind es noch 4,5. Auch das stellt das Landratsamt vor Schwierigkeiten. Ein Drittel des Platzes fällt weg. Unterkünfte, die es längst abbauen wollte, behält das Amt nun doch lieber.

Ende Mai gab es im Landkreis Esslingen 250 geduldete Flüchtlinge, das heißt 250 Menschen, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die aber nicht ausgereist waren. Das heißt auch: 250 Menschen mehr, für die der Landkreis und die Kommunen dringend Wohnraum haben müssen. Dass viele von ihnen Klage einreichen, sobald sie ihren Abschiebebescheid bekommen, verzögert den Prozess gewaltig. „Es läuft nicht so wie es sollte“, sagt Thomas Eisenmann, Flüchtlingskoordinator im Landratsamt, zu den Abschiebungen. Es gebe zu viele Möglichkeiten für abgelehnte Asylbewerber, sich dem Vollzug zu entziehen. Er sagt aber auch: „Das ist ihr gutes Recht.“ Die Aussichten auf eine Zukunft in Deutschland verbessert es trotzdem höchstens geringfügig. Vor allem bringt es den Flüchtlingen Zeit.

Visum nach Europa? Ausgeschlossen

Pa Modou weiß, dass für viele seiner Landsleute der Weg über das Asylrecht eigentlich nicht der richtige ist. Sonst müssten sie jetzt nicht zurück. Aber was sollen sie machen? „Ein Visum kostet 100 000 Dalasi, 100 Dalasi verdient man als Angestellter an einem Tag“, rechnet er vor. Das sind 1 000 Tage Arbeit - wenn man nichts zum Trinken, Essen, Schlafen braucht. Und wenn man angestellt ist. Das seien die wenigsten.

Er bereut seine Entscheidung, aufgebrochen zu sein. Hätte Pa Modou damals auf dem Boot gewusst, dass er sein Leben riskiert, um zwei Jahre in Warteschleife zu leben und dann zurückzumüssen. Ja, was dann? Er lacht - noch einen Tick resignierter. „Dann wäre ich ins Meer gesprungen.“ Er meint es nicht ganz ernst - aber einen kurzen Moment scheint er bei dem Gedanken zu verharren.

In wenigen Wochen ist dort Schluss. Die Unterkunft wird abgebaut.
In wenigen Wochen ist dort Schluss. Die Unterkunft wird abgebaut. Foto: Mirko Lehnen

Die letzten Tage im Containerdorf

Abbau Die Flüchtlingsunterkunft in der Dettinger Straße in Kirchheim zählt ihre letzten Tage. Bis Ende Juli muss die Unterkunft komplett abgebaut sein. Mitte Juli sollen laut Esslinger Landratsamt die letzten Bewohner ausziehen. Die Zeit danach werde gebraucht, um letzte Arbeiten zu erledigen und das Gelände wieder in seinen Ursprungszustand zu versetzen.

Bewohner Seit etwa Dezember leert sich die Unterkunft. Einige Gruppen wurden vorher umquartiert – zum Beispiel in eine Unterkunft in der Charlottenstraße in Kirchheim. Das passiert oft nach Nationalität. So wohnen im Moment vor allem noch Gambier in der Dettinger Straße. Einige, die länger als zwei Jahre in Deutschland sind, konnten eine Wohnung finden.

Umzug Die etwa 49 Bewohner, die noch in der Anlage übernachten, sind derzeit auf Wohnungssuche. Es ist eher unwahrscheinlich, dass alle bis zum Auszugstermin eine Wohnung in der Umgebung finden. Wer bis dahin nicht fündig wird, wird in andere Unterkünfte im Landkreis verlegt – wenn möglich in Reichweite zum Arbeitsplatz und dem sozialen Umfeld.