Kirchheimer Umland

Das Aus für das Café und seine weitreichenden Folgen

Umnutzung „Die Arche“ baut das einstige Gasthaus Hirsch in Notzingen um. Die Planung musste der Verein ändern, da sich kein Betreiber für einen gastronomischen Betrieb fand. Nun gibt es kein öffentliches WC. Von Iris Häfner

Der Hirsch steht an zentraler Stelle in Notzingen und ist damit prägend für das Ortsbild. Fotos: Jean-Luc Jacques
Der Hirsch steht an zentraler Stelle in Notzingen und ist damit prägend für das Ortsbild. Foto: Jean-Luc Jacques

Der Hirsch, zentral in der Notzinger Ortsmitte gelegen, ist ein großes, markantes Gebäude. Das Gasthaus gibt es schon lange nicht mehr, der Verein „Die Arche“ hat dort Raum für therapeutische Wohngemeinschaften geschaffen.

Seit geraumer Zeit steht dafür ein Neubau im Hirschgarten, die Frage lautete deshalb für den Verein: Was tun mit dem historischen Gebäude? Weil hände- ringend nach Wohnraum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht wurde, hat die Arche auf dringende Bitten des Sozialdezernats im Landratsamt Esslingen 14  Plätze in den beiden oberen Stockwerken geschaffen. Die Betreuung der jungen Menschen liegt in den Händen von Stiftung Tragwerk.

Weiter gab es die Idee, ein Café im Erdgeschoss einzurichten - auch als Raum für Begegnungen und Veranstaltungen, als Art Treffpunkt. Das Catering sollte der Hirsch übernehmen, ebenso den Mittagstisch für Gäste. Im Obergeschoss war die Vermietung des Hirschsaals für Feiern und Familienfeste vorgesehen, die Küche befindet sich dort sowie das Büro für ambulant betreutes Wohnen. Der Hirsch sollte damit eine Begegnungs- und Bewährungsstelle für die Bewohner hin in den öffentlichen Raum werden. „Die Arche“ sah darin auch eine Stärkung der Angebotsstruktur in der Ortsmitte, nicht zuletzt im Blick auf die immer älter werdende Gesellschaft.

Dieses Konzept wurde im Februar 2017 dem Gemeinderat vorgestellt, denn die Arche würde gerne Gelder aus dem Topf des Landessanierungsprogramms abschöpfen. Das Gremium genehmigte 150 000 Euro, allerdings gekoppelt an die Vorgabe, dass es im Hirsch ein öffentliches WC geben muss. Da sich jedoch kein Betreiber für das Café gefunden hat, plante die Arche um. Die Refinanzierung des Cafés durch das Landessanierungsprogramm war nicht mehr gegeben, auch zu hohe Gesamtkosten für Haupt- und Nebenküche im Erdgeschoss führten zu den veränderten Plänen.

Stattdessen findet eine weitere Klientel im Hirsch künftig ein Dach über dem Kopf, die auf dem freien Markt nahezu keine Chance hat, eine Wohnung zu finden: Es entstehen jetzt vier Zimmer für ambulant betreutes Wohnen. Die Betreuung dieser Menschen, wird die Arche selbst übernehmen. Die Crux an diesen neuen Ideen: Die öffentlich zugängliche Toilette ist ersatzlos gestrichen.

Wolfgang Kalmbach, Vorstandsvorsitzender der Arche, stellte das neue energetische Konzept dem Gemeinderat vor. Die Außenwände sollen gedämmt, neue Fenster eingebaut und möglichst auch das Dach erneuert werden, denn der Energieberater riet zu Solarthermie - und das macht auf dem alten Dach keinen Sinn, wie der Architekt sagte. 600 000 Euro kann die Arche selbst stemmen. Um alles realisieren zu können fehlen jedoch noch 150 000 Euro. Wolfgang Kalmbach beantragte deshalb Mittel für Erneuerung, Modernisierung, Instandsetzung und Umnutzung aus dem Landessanierungsprogramm. 60  Prozent davon würde das Land tragen, die restlichen 40 Prozent müsste die Gemeinde stemmen. „Der Hirsch ist ein ortsbildprägendes Gebäude. Mit unserem Konzept gibt es eine Stärkung und Profilierung der kommunalen Identität und des Ortszentrums, einhergehend mit Aufenthaltsqualität“, erklärte Wolfgang Kalmbach. Ortsbildpflege, Aufwertung der Ortsmitte, energetische Sanierung sowie die Unterstützung ehrenamtlicher Träger stünden in Zusammenhang mit seinem Projekt.

Dieses Gesamtpaket sorgte bei den Gemeinderäten jedoch für Verwirrung, ansatzweise auch für Verärgerung. Plötzlich war die öffentliche Toilette verschwunden und damit die Grundlage für den im Februar vergangenen Jahres gewährten satten Zuschuss. „Die Grundlage hat sich komplett geändert, wir sollten daher den Punkt vertagen. Dann können wir in Ruhe darüber beraten und beschließen. Ich denke, dann kommt was Vernünftiges dabei raus“, stellte Rudolf Kiltz einen Antrag. Der wurde angenommen.

Der Saal im Hirsch soll künftig wieder für Familienfeste und andere Feiern zur Verfügung stehen.
Der Saal im Hirsch soll künftig wieder für Familienfeste und andere Feiern zur Verfügung stehen. Foto: Jean-Luc Jacques

Wortgefechte wegen einer öffentlichen Toilette

Etwas nicklich ging es in der Sitzung des Notzinger Gemeinderats zu. „Die öffentliche Toilette war die Auflage, wenn wir über den üblichen Zuschuss-Prozentsatz gehen“, sagte Hans-Joachim Heberling. So sahen es sämtliche Räte. Herbert Hiller echauffierte sich über das Vorgehen der Arche, weil sie zwei Geschosse des einstigen „Hirsch“ an das Tragwerk für unbegleitete Flüchtlinge vermietete - ohne mit der Gemeinde zu sprechen. „Möglicherweise hätten wir ein Gebäude weniger kaufen oder bauen müssen“, sagte er. Der neue Antrag laufe ihm zuwider, weil schon der Beschluss vor einem Jahr keine allzu große Resonanz ausgelöst habe. „Wir hätten mit mehr gerechnet“, so Hiller, der im ATU oder nicht öffentlich ausgiebig darüber reden will. Hans Prell war „not amused“ über die Bemerkung von Wolfgang Kalmbach, dass sich die Gemeinde für die Sanierung des Notzinger Rathauses ordentlich an den Fördermitteln des Landes bediene. Prell ist aber noch vieles unklar am Arche-Konzept. „Wir brauchen knallharte Fakten.“ ih

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