Kirchheimer Umland

Das Bergdorf als Schnäppchen

Zuwanderung Das Flüchtlingswohnheim in Hochdorf war anfangs nur geleast. Jetzt hat der Landkreis die Unterkunft für 160 Bewohner als stille Reserve zu einem Bruchteil des Neupreises gekauft. Von Bernd Köble

Die fünf Module in Holzbauweise dienen seit 2015 in Hochdorf als Unterkunft für Flüchtlinge.Foto: Jean-Luc Jacques
Die fünf Module in Holzbauweise dienen seit 2015 in Hochdorf als Unterkunft für Flüchtlinge. Foto: Jean-Luc Jacques

Keiner hat die Bilder vergessen. Als vor fünf Jahren praktisch über Nacht sich Sporthallen in Notquartiere verwandelten, Zeltstädte zum Massenlager und Container­dörfer aus dem Boden gestampft wurden. Mehr als 6 500 Plätze für Menschen auf der Flucht hat der Kreis Esslingen auf dem Höhepunkt der Krise 2016 in kürzester Zeit geschaffen. Inzwischen hat sich die Lage längst beruhigt, die Lehren daraus sind jedoch geblieben: Sollte sich die Situation erneut verschärfen, will man vorbereitet sein.

In Hochdorf, wo seit fünf Jahren eine der größten Sammelunterkünfte auf kreiseigenem Grund steht, hat die Verwaltung jetzt die Gunst der Stunde genutzt und sich den Standort für fünf weitere Jahre gesichert. Zum Preis von 183 000 Euro werden die fünf Holzbau-Module, die Platz für knapp 160 Bewohner bieten, Eigentum des Landkreises. Der Vertrag mit der Deutschen Leasing AG läuft im November aus, die Gemeinde Hochdorf hat zugesagt, die befris­tete Baugenehmigung bis 2025 zu verlängern. Die Unterkunft sei in baulich gutem Zustand und in Hochdorf sehr gut etabliert, heißt es aus dem Landratsamt.

Ein Schnäppchen, wie auch viele Kreispolitiker meinen. Die Kosten für Bau und Erschließung des „Bergdorfs“ lagen vor fünf Jahren bei rund 5,3 Millionen Euro. Armin Elbl, Vertreter der Freien Wähler im Finanzausschuss des Kreistags, spricht von einem erstklassigen Ergebnis. „Man kann die Verwaltung zu diesen Verhandlungen nur beglückwünschen.“

Ganz so reibungslos verliefen die offenbar nicht. Die Gespräche mit der Gemeinde über die Verlängerung der Baugenehmigung seien deutlich schwieriger gewesen als die über den Kaufpreis, lässt Landrat Heinz Eininger durchblicken. Für den Landkreis bedeutet der Kauf keinen zusätzlichen finanziellen Aufwand. Durch den gleichzeitigen Verkauf der Gemeinschaftsunterkunft in Raidwangen entstünden keine außerplanmäßigen Kosten, so heißt es.

Unterkünfte im Kreis sind zu 70 Prozent ausgelastet

Die Unterbringung von Geflüchteten ist für die Landkreise und Kommunen eine Daueraufgabe, auch wenn sich die Lage seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 inzwischen deutlich entspannt hat. Von den etwa 6 500 Plätzen in der vorläufigen Unterbringung sind kreisweit bis zur Stunde nur 1 317 geblieben. 1 044 davon sind zurzeit belegt. Damit liegt die Auslastung der provisorischen Unterkünfte im Kreis bei rund 70 Prozent. In der Unterkunft in Hochdorf sind zurzeit 134 von 158 Plätzen belegt. Das Land macht noch immer Druck, kostspielige Überkapazitäten in den Kommunen abzubauen. Baden-Württemberg sei im Notfall gut vorbereitet, teilte Ministerpräsident Winfried Kretschmann angesichts der Lage im griechisch-türkischen Grenzgebiet zu Jahresbeginn mit.

Deutlich zurückgegangen ist die Zahl der Neuankömmlinge im Landkreis Esslingen. Vor zwei Jahren suchten noch mehr als 900 Menschen auf der Flucht hier eine neue Bleibe. Seit Jahresbeginn liegt die Zahl der Einreisenden monatlich im Schnitt bei 47. Als sogenannte „Fehlbeleger“ gelten derzeit immer noch 77 Personen. Das sind Menschen, die aufgrund ihres Status und ihrer Aufenhaltsdauer aus der vorläufigen Unterbringung in eine eigene Wohnung wechseln müssten. Für die vorläufige Unterbringung ist der Landkreis zuständig. Für die Anschlussunterbringung die Städte und Gemeinden. Weil dort noch immer zu wenig geeigneter Wohnraum zur Verfügung steht, gestaltet sich für manche Zuwanderer der Übergang in ein selbstbestimmtes Leben häufig schwierig. bk

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