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Das Geheimnis hat einen Logenplatz

Esslingen Um die Freimaurerei ranken sich viele Mythen. Die Esslinger Loge wurde vor 75 Jahren gegründet. Von Simone Weiß

Der Stein wirkt unfertig. Im unteren Teil wurde er bearbeitet. Er hat eine quadratische Form, glatte Seiten, vier Ecken. Nach oben hin verlieren sich die strengen Konturen in geröllartige Unebenheiten, felsige Zacken, natürliche Formationen. Der Stein in den Räumlichkeiten der Esslinger Freimaurerloge Zur Katharinenlinde sei ein Symbol für ihre Arbeit, erklären Andreas Krieg und Roland Klass, Meister vom Stuhl – eine Art Präsident. Jeder Mensch habe Ecken, Kanten und Unebenheiten wie der obere Teil des Steins. Doch angestrebt werden Harmonie und Klarheit über die eigene Lebensführung. Jeder Freimaurer solle ein Baustein in der Gesellschaft werden. Klingt das nicht nach Anpassung, nach Konformität? Nein, meint Krieg, denn jeder müsse seinen Weg finden. Seit 75 Jahren strebt die Freimaurerloge dieses Ideal an. Sie wurde 1947 gegründet.

Ein Bild in den Räumlichkeiten in Mettingen zeigt die Gründerväter, die mit honorigen Mienen in die Kamera schauen. Die Gesichter wirken geheimnisumwittert. Das mache einen Teil der Faszination Freimaurerloge aus, sagt Andreas Krieg. Das Mysteriöse, die Neugier darauf, nur Eingeweihten zugängliche Rituale, das Gemeinschaftserlebnis, die Suche nach einem weiteren Lebenssinn über Familie und Beruf hinaus, aber auch Bücher und Filme wie „Illuminati“ von Dan Brown wirken anziehend. Derzeit hat die Esslinger Loge 31 Mitglieder zwischen 23 und 87 Jahren mit einem Altersdurchschnitt von 56 Jahren.

Aufgenommen werden nur Männer. Andreas Krieg begründet dies mit der Tradition, den Statuten, der Historie, den Vorschriften des Trägervereins, der Grand Lodge of England. Als die Logen 1717 in England, in Anlehnung an die Steinmetz-Bauhütten, gegründet wurden, gehörten dem Handwerk aufgrund der schweren körperlichen Arbeit und der untergeordneten sozialen Stellung der Frau nur Männer an. Zudem, ergänzt Andreas Krieg, würden sich Männer untereinander anders verhalten. Die Esslinger Loge habe aber regelmäßig „Veranstaltungen, bei denen Frauen teilnehmen dürfen und sogar besonders geehrt werden“.

Manche Praktiken bleiben Interna. Doch Roland Klass und Andreas Krieg geben sich offen. Ein wichtiger Baustein der Zusammenkünfte sind die Logenabende an einem Dienstag im Monat. Nach dem etwa 45-minütigen Vortrag eines Mitglieds oder eines Gastredners zu einem selbst gewählten Thema wird über die philosophischen, gesellschaftlichen oder historischen Inhalte des Referats diskutiert. Politik und Religion würden ausgeklammert, erklärt Roland Klass. Zweiter Teil der Logenphilosophie ist die Arbeit im Tempel an einem Samstag im Monat. In diesem Raum werden neue Mitglieder aufgenommen. Hier sollen nach einem festgelegten Ablauf, vorformulierten Dialogen und vorgeschriebenen Strukturen auch innere Einkehr, Vervollkommnung und Persönlichkeitsbildung erreicht werden.

Interessenten melden sich bei Andreas Krieg. Nach einem Gespräch mit dem Kandidaten und der ersten Teilnahme an Treffen folgt eine einjährige Probezeit. Nach einem Hausbesuch wird in der Loge über die Aufnahme abgestimmt. Religiöse, politische, finanzielle oder berufliche Kriterien sind nicht entscheidend, betont Roland Klass. Ein elitäres Gepräge gehöre nicht zum Selbstverständnis der Loge. Entscheidend seien Charakterfestigkeit, die Einstellung, das Bekenntnis zu Humanität, Liberalität, Toleranz. Mit den Beiträgen und Spenden würden soziale Projekte finanziell unterstützt. Ziel sei es, die Welt und sich selbst ein Stück besser zu machen.

 

Besonderheiten der Loge

Name Zur Katharinenlinde nennt sich die Loge mit Referenz zu dem Baum auf der Rüderner Heide, um einen lokalen Bezug zu Esslingen herzustellen. Der Baum wurde 1953 von Mitgliedern der Loge gespendet.
Preis Seit 2014 lobt die Loge im zweijährigen Turnus den Dr.-Gotthilf-Schenkel-Preis für Mitmenschlichkeit aus. Die nach dem ehemaligen, in Esslingen beheimateten Landeskultusminister benannte Auszeichnung geht an soziale, gemeinnützige Organisationen, formell jedoch an den Gründer oder die Gründerin.
Meister Der Meister vom Stuhl wird auf drei Jahre aus den Reihen der eigenen Mitglieder gewählt. sw