Kirchheimer Umland

Das Häusle wird zum Auslaufmodell

Bundeskongress der kommunalen Frauenlisten befasst sich mit modernen Wohnformen

„Die Zukunft ist urban“, lautete eine These, die beim Bundeskongress der kommunalen Frauenlisten in der Kirchheimer Alleenschule diskutiert wurde. Es ging um frauenfreundliche Wohnungs- und Stadtplanung. Das Thema löste unter den rund 80 Delegierten aus Baden-Württemberg, Bayern und Brandenburg eine rege Debatte aus.

Dr. Silvia Oberhauser (rechts) und Dr. Iris-Patricia Laudacher (links) von der Frauenliste Kirchheim und Architektin Karin Garba
Dr. Silvia Oberhauser (rechts) und Dr. Iris-Patricia Laudacher (links) von der Frauenliste Kirchheim und Architektin Karin Garbas warben beim 28. Bundeskongress der kommunalen Frauenlisten für eine frauenfreundliche Wohn- und Stadtplanung.Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim. „Es findet eine Reurbanisierung statt. Diejenigen, die früher ins Umland gezogen sind, kehren in die Städte zurück“, sagte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Die Kinder seien aus dem Haus, Garten und Wohnraum wären ihnen daher zu groß. „So suchen sie nach geeignetem, bezahlbarem Wohnraum, in deren Nähe es Einkaufsmöglichkeiten und eine medizinische Versorgung gibt.“ Der Trend gehe zum Mehrfamilienhaus. Das Einfamilienhaus sei ein Auslaufmodell. „Gleichzeitig wird künftig eine Abkehr vom Pendlerdasein stattfinden“, so Matt-Heidecker weiter. „Das ist auch notwendig, denn es kann nicht sein, dass die Straßen nach Stuttgart zu sind.“

Angesichts des Verkehrskollapses auf den Straßen im Ländle sei eine Maut nach Stuttgart im Gespräch. Ebenso werde rege darüber diskutiert, welche Autos in die Schwabenmetropole einfahren dürfen. „Das sind Realitäten, über die vor einer Landtagswahl kaum jemand spricht“, sagte Angelika Matt-Heidecker. Die Verwaltungschefin betonte mit Blick auf den Wohnungsbau der Zukunft, dass die Mehrfamilienhäuser mehr als drei Wohnungen aufweisen werden. „Außerdem wird es mehr Mietangebote auf Zeit geben müssen“, berichtete sie. „Das kommt jungen Menschen entgegen, die heute beruflich mobil sind und nicht mehr zu den Eltern zurückziehen.“

Die Architektin und Stadtplanerin Karin Garbas wies in ihrem Vortrag „Wie wollen wir wohnen?“ darauf hin, dass das Thema in Europa und Deutschland eng mit der Emanzipation der Frauen verbunden ist. Vor dem Hintergrund ihrer im Vergleich zu Männern höheren Lebenserwartung, des größeren Armutsrisikos von alleinerziehenden Frauen und nach Abschluss ihres Erwerbslebens, sei es wichtig, auf weibliche Bedürfnisse und Belange zugeschnittenen Wohnraum zu schaffen. „Der heutige Wohnungsbau produziert meistens immer gleiche Lösungen“, so Garbas. „Und das obwohl sich unsere Lebensgewohnheiten und -situationen, speziell auch für Frauen, ganz wesentlich verändert haben.“

Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen der Wirtschaft, Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, neue Lebensformen, die Aufhebung der klassischen Arbeitsteilung bei Familienarbeit und Kindererziehung, die zunehmende Individualisierung und Zuwanderung, sind Karin Garbas zufolge Veränderungen, die neue Bedürfnisse geweckt haben und neue, unkonventionelle Herangehensweisen an das Wohnen und das Wohnumfeld verlangen.

Als Beispiel nannte Garbas das Wohnprojekt „Hagef“ in Esslingen. „Mithilfe der Stadt, der das Grundstück gehörte, konnte dort ein Gebäude mit 13 Wohnungen, die eine Größe von 50 bis 100 Quadratmeter aufweisen, entstehen“, so Karin Garbas. „Der Mietpreis pro Quadratmeter liegt bei neun bis zehn Euro.“ In dem Haus leben nur Frauen. Den Initiatorinnen sei deshalb wichtig gewesen, dass der Neubau auch kleine Wohnungen zu erschwinglichen Preisen bietet und eine zentrale Anbindung bereitstellt. In Stuttgart hingegen sei mit dem Quartier „Im Raiser“ eine Siedlung entstanden, in der es möglich ist, ein Haus im Baukastenverfahren zusammenzustellen.

Karin Garbas betonte, dass Baugemeinschaften, in denen sich inte­ressierte Mieter zusammenschließen und in ihr als Bauherr auftreten, eine gute Lösung seien, um günstigen und auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittenen Wohnraum zu generieren. Ein Beispiel dafür sei das französische Viertel in Tübingen, wo viel Baugemeinschaften Häuser gebaut haben. Dort sei ein bunter, kommunikativer und sozialer Stadtteil entstanden, der auch Wahlnachbarschaften ermögliche und in dem Mieter schon vor dem Bau bestimmen können, wie ihr Wohnraum aussehen solle.

Ein Konzept, das bei den etwa 80  Delegierten ankam. Dr. Silvia Oberhauser von der Frauenliste Kirchheim forderte die Kirchheimer Frauen deshalb auf, sich bei der Neubebauung des Steingau-Areals mit ihren Ideen, Wünschen und Belangen einzubringen. „Dort bietet sich jetzt die Möglichkeit, Wohnraum individuell zu gestalten, auch mit Blick auf die eigene finanzielle Situation“, sagte Oberhauser und forderte dazu auf, jetzt die Chance beim Schopfe zu packen.

Anzeige