Kirchheimer Umland

Das Hoffen auf zwei demokratische Staaten

Konflikt Die Kirchheimer Friedensinitiative FIN.K hat einen jüdischen und einen palästinensischen Pazifisten online zu einem gemeinsamen Gespräch und Gedankenaustausch eingeladen. Von Peter Dietrich

Israel-Flagge: Kirchheim pflegt eine Partnerschaft mit der Stadt Givatayim in Israel. Foto: pr

Rund 30 Teilnehmer waren der Einladung der Friedensinitiative Kirchheim FIN.K zum englischsprachigen Onlineaustausch gefolgt. Ihnen hatten der jüdische Pazifist Amos Gvirtz und der palästinensische Pazifist Zougbi al Zougbi aus Bethlehem, beide waren direkt zugeschaltet, viel zu sagen. Sie taten es sehr persönlich. „Ich bin im Kibbuz in einer zionistischen Familie aufgewachsen“, sagte Amos Gvirtz.

Sein eigener Weg zum Anti-Zionisten sei ein schmerzhafter Prozess gewesen. Er nannte zum einen moralische Gründe: „Ich will mein Leben nicht auf dem Ruin anderer gründen, auf dem endlosen Leiden derer, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie Araber sind, nicht Juden.“ Es gebe aber auch vernünftige Gründe: Denn die Angriffe auf Israel seien kein Resultat von Antisemitismus, sondern dessen, was Israel täglich tue. Der Zionismus sei zwar eine Erfolgsgeschichte, habe zu einem reichen Staat geführt, aber zugleich zur Bedrohung. Israel nutze die Schuldgefühle aufgrund des Holocaust, um die Kritik an seinem Verhalten zu
 

„Ich will mein Leben
nicht auf dem Ruin anderer
gründen.
Amos Gvirtz
über seinen Weg zum Anti-Zionisten

neutralisieren. Amos Gvirtz kritisierte die Gesetzgebung seines eigenen Landes, die gegen internationales Recht verstoße und zum Beispiel die Zerstörung von Häusern ermögliche. Er unterscheidet deutlich zwischen zwei Arten von Zionisten: Die klassischen Zionisten seien ins Land gekommen, um Seite an Seite mit den anderen Bewohnern zu leben. Nach 1987 sei aber der „messianische zelotische Zionismus“ gewachsen, er wolle nicht neben den Palästinensern, sondern anstatt von ihnen dort leben. Daher griffen die Siedler die Palästinenser an.

Diese neuen Zionisten hätten 1995 Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin ermordet, für sie sei das Land ein Versprechen Gottes. Anders als die klassischen Zionisten wollten sie den religiösen Konflikt: „Sie wollen in Jerusalem den Tempel wieder aufbauen und die muslimischen Heiligtümer zerstören.“ Hätten sie damit Erfolg, bedeute das in der Folge einen Krieg gegen alle Juden auf der Welt. Die beste Option für die Palästinenser sei die Gewaltlosigkeit, denn militärisch sei Israel überlegen. Zougbi al Zougbi schilderte die aktuellen Zustände im Gazastreifen: 17 000 Häuser zerstört, 100 000 Obdachlose, 34 Schulen und Gesundheitseinrichtungen zerstört, kein Strom, die Hälfte des Trinkwassernetzes zerstört. „Wir wollen Gerechtigkeit, wir wollen Koexistenz. Nur ein sicherer palästinensischer Staat als Nachbar Israels ist eine Lösung.“ Für die Zweistaatenlösung mit zwei lebensfähigen Staaten müsse es einen Ländertausch geben. „Wo ein Wille ist, ist ein Weg.“

„Es gewinnt nur Netanjahu“

Wie groß die Unterstützung der Zweistaatenlösung in der Bevölkerung sei, fragten Teilnehmer der Diskussionsrunde nach. „Viele haben keine klare Meinung und folgen ihren Führern“, sagte Amos Gvirtz. Er glaube an diese Lösung mit zwei demokratischen Staaten, „auch wenn die Einstaaten-Lösung eine wunderschöne Idee ist“. – „Aktuell gewinnt weder Hamas noch Israel, es gewinnt nur Netanjahu“, sagte Zougbi al Zougbi. Hamas sei nach seiner Einschätzung in der West Bank populärer als im Gazastreifen.

Nötig sei ein Marshallplan für Palästina für den Wiederaufbau. Jerusalem solle offen sein, Hauptstadt von zwei Nationen und spirituelle Hauptstadt von drei Religionen. Es brauche Druck auf Israel und internationale Beobachter in Jerusalem: Wer sich bei einem Konflikt neutral verhalte, habe der südafrikanische Bischof Desmond Tutu gesagt, der sei auf der Seite des Unterdrückers. „Das ist wie beim Elefant und der Maus.“ Nach der aktuellen Gewalt werde es, so ist seine Erwartung, früher oder später eine Übereinkunft und einen Gefangenenaustausch geben.

Antisemitismus, sagte Amos Gvirtz, sei eine Form des Rassismus. Die Hauptbotschaft solle sein, dass jeder Rassismus falsch sei. Seine Erwartung an die Deutschen: „Wenn Israel sich rassistisch verhält, müsst ihr es kritisieren, so schwer es ist.“ Deutschland sei mächtig, sagte Zougbi al Zougbi, große Macht sei mit großer Verantwortung verbunden. Entscheidend sei die Betonung der Menschenrechte. ...

;pnbs &